Meister der Düfte: Aurélien Guichard

Duftmagie seit Kindheitstagen

Aurélien Guichard ist ein umtriebiger Kreateur. Als Senior Parfümeur bei Takasago in Paris kreiert er für namhafte Brands wie Issey Miyake, Narciso Rodriguez und Burberry. Zudem betreibt er einen öko-zertifizierten Hof bei Grasse, auf dem er etwa Rose und Tuberose anbaut – für seine eigene Parfummarke Matiere Premiere.

Seine Aufgabenvielfalt ist wirklich beeindruckend. Der Franzose Aurélien Guichard, 45, ist eine hochdynamische, zugleich aber in Kontinuitäten denkende Persönlichkeit. Gute Kommunikation und wertschätzende Beziehungen sind ihm wichtig. Er ist kommunikativ, pointiert und treffsicher in Beschreibungen. Auch in der olfaktorischen Arbeit schätzt man ihn für klare Ansätze und Strukturen.
Im südfranzösischen Grasse wird Guichard in eine Familie mit langer Dufttradition geboren; in siebter Generation beschäftigt diese sich im Metier. Seine Großeltern bauen Rosen, Jasmin, Verbena an, der Großvater gilt als der Rosenexperte. Vater Jean ist Parfümeur, der zahlreiche Erfolge (etwa Obsession von Calvin Klein) verantwortet und über viele Jahre die weltbekannte Parfümeurschule des Herstellers Givaudan leitet. Seine Mutter ist Bildhauerin. Zusammen mit seiner Schwester wächst er in einer Umgebung auf, die seine Feinsinnigkeit schult. Diese Erinnerungen prägten ihn: „Mein Großvater, der mit Erntehelfern den Tagesertrag an Rosenblättern sichtet, mein Vater, der seine Kreationen auf der Haut meiner Mutter erprobt. All diese Gerüche – die Erde, die duftenden Pflanzen – unvergesslich!“ Nach seinem Abitur macht Guichard einen Cut: „Mit 17 ging ich zum Studium nach England. Ich hatte das Gefühl, weg zu müssen. An der University of Bristol studierte ich Soziologie und Wirtschaftswissenschaften. Mein Ziel war es, mit Menschen verschiedener Kulturen zu arbeiten.“ Mit 21 hatte er das Diplom und seinen ersten Job in der Tasche: Während der Semesterferien jobbte er als Praktikant regelmäßig bei Givaudan in New York. „Ich erhielt das Angebot, an der internen Parfümeurschule in Paris die Ausbildung zu beginnen. Schon früh habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Parfumkreation etwas unglaublich Faszinierendes ist. Parfum verzaubert: Es macht attraktiv und anziehend!“

Düfte sind wie eine Sprache
An der Schule ist der Tagesablauf stringent organisiert. „Ich startete bei Null. Zunächst lernte ich die Zutaten kennen. Düfte sind wie eine Sprache: Du lernst Wörter auswendig … und vergisst sie. Du lernst sie wieder neu. Nach einer Weile werden sie ein Teil von dir.“ Später lernen die Auszubildenden zu komponieren, Materialien zielgerichtet zu kombinieren.
Nach seiner dreijährigen Ausbildung stellen sich rasch Erfolge ein: „Mit 23 kreierte ich für Guerlain und Nina Ricci. Mein Bonus: Ich hatte Entscheider, die mir vertrauten.“
Kontinuierlich profiliert er sich, liefert in der Kreation Kassenschlager wie Raffiniertes. Sein gut gefülltes Auftragsbuch kann sich sehen lassen: Armani, Gucci, Kenzo, Versace ebenso wie Bond No. 9 und J.U.S. Parfums – er kreiert für internationale Player ebenso wie für Artistic Brands.
Die Chancen wohlbedachter Arbeitgeberwechsel nutzt er: 2014 von Givaudan zum Schweizer Mitbewerber Firmenich, von dort 2018 zur Pariser Dependance von Takasago, der in Japan beheimateten Nummer 5 des Globalmarktes. Seine Arbeit ist von kollegialem Miteinander geprägt: „Wenn ich für Modemarken oder Couturiers arbeite, arbeite ich im Dienste des Modehauses. Ich bin wie ein Dolmetscher, der etwas schafft, das sehr gut mit dem übereinstimmt, was ich sehe. Ich schätze es, kooperativ mit Menschen zu arbeiten.“

Freiheit und Risikofreude
„Wir sprechen über die Kreativität von Parfümeuren. Doch was ist das? Bei Kreativität geht es um Menschen, die frei sind und Risiken eingehen.“ Aurélien Guichard betont, dass Kreativität ein Prozess ist, der auf mehreren Schultern ruht. „Die Kreation gehört nicht nur dem Parfümeur. Sie gehört der Partnerschaft zwischen einem Parfümeur und einer Marke. Glauben sie an deine Geschichte? Gefällt ihnen, was du erschaffen hast? Der kreative Prozess ist idealerweise gemeinsam organisiert.“ Die Nase betont die Bedeutung vertrauensvoller, wertschätzender Zusammenarbeit: „Für mich ist es sehr wichtig, das Vertrauen zu den Menschen zu haben, mit denen ich arbeite. Es geht um gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung von Schönheit. Es ist nicht nur die Arbeit der Formulierung, sondern jene, anderen Menschen zuzuhören.“ Dieser Ansatz wird auch in seiner langen Zusammenarbeit mit Robert Piguet deutlich. So überarbeitete er zuletzt den 1944 von Kreativikone Germaine Cellier erschaffenen Klassiker Bandit. Die Auferstehung als Bandit Suprême ist ein wertschätzender Transfer ins Heute.

Ein typischer Tag
Jeder Tag verläuft anders, je nachdem, ob Aurélien Guichard im Pariser Duftstudio oder auf der Farm in Grasse arbeitet. „Nach dem Frühstück rieche ich. Der beste Moment, um meine Kreationen vom Vortag zu studieren! Die Proben ruhen über Nacht, ich teste mit frischen Sinnen und nehme Änderungen vor. Wichtig sind auch: Kundenbesuche zur Vorstellung meiner Arbeit und die Auswahl von Zutaten.“ Der Franzose bezeichnet seinen Job als sein Hobby. Seit Kindertagen spielt er zudem Feldhockey, hat es damals bis ins Nationalteam geschafft. Und er verrreist gern dorthin, wo er Kitesurfen kann; Familie und Freunde sind ihm wichtig.

Für große Marken hat er ebenso erfolgreiche Düfte kreiert wie für Artistic Brands. So gilt der Franzose als „Hausparfümeur“ von Robert Piguet. Die auf der eigenen Biofarm angebauten Rosen und Tuberosen werden für Matiere Premiere verwendet.

Auf den Inhalt kommt es an
Mit seiner eigenen Marke geht er einen besonderen Weg. Matiere Premiere, 2019 mit zwei Kompagnons gegründet, heißt Rohstoff. Die Marke präsentiert sich stilistisch reduziert, zurückgenommen. Für Guichard gab das schlichte japanische Design besondere Inspiration. „Wir sind das Gegenteil von ‚französisch altmodisch‘. Bei uns sind die Materialien die Stars, das Geld steckt im Öl, nicht im Flaschendesign.“
Bei jedem der acht Eaux de Parfum gibt es eine Kernidee, einen Hauptrohstoff und abrundende Komponenten. „Bei Cologne Cédrat etwa geht es darum: Die Trägerin soll den Geruch der Zitrusfrucht so spüren, als ob sie eine Zitronenschale aufbricht. Als Parfümeur vermittle ich die Illusion, dass das Cédrat sechs oder sieben Stunden hält – nicht 30 Minuten, wie üblich. Wir wollen, dass sich die Leute gut fühlen.“ In diesem Zusammenhang beschreibt er die Auswahl der Stoffe: „Wenn ich eine Formel schreibe, zählt jede Zeile. So, wie in einem Text jedes Wort einen Sinn und eine Bedeutung hat. Meine Rolle für Matiere Premiere besteht darin, dass ich als Dienstleister für diese Rohmaterialien arbeite. Und ich versuche, sie nicht zu sehr zu verändern, ich unterstreiche nur bestimmte Facetten.“ Seit 2016 betreibt er die Ecocert-zertifizierte Organic Farm für Rose Centifolia, den Hauptcharakter in Radical Rose. Jasmin und Tuberose sind weitere Hauptcharaktere von dort.
„Markttrends interessieren mich nicht“, so Guichard, befragt zur Zukunft der Parfums. „In den letzten 20 Jahren habe ich immer wieder von Marktforschung gehört. Wie sehen die Menschen aus, was gefällt ihnen in bestimmten Regionen der Welt? Daran glaube ich nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen auf der ganzen Welt einen großartigen Duft genießen können.“ Er ist überzeugt, dass Menschen nach Einzigartigkeit suchen. „Ich sehe es bei meiner Marke: Auf der Suche nach einem passenden Parfum sind die Menschen nicht daran interessiert, Düfte zu riechen, die vorhersehbar sind. Parfums leben von Überraschungen – und die Kunden lieben das!“
Von Aurélien Guichard dürfen wir also auch in Zukunft neuartige und überraschende Kreationen erwarten.


Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 3/2022

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de

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