Tradition im Aufbruch – 300 Jahre und ein neuer Horizont
Seit 1709 steht Farina für die Geburtsstunde einer Duftgattung. Heute führt die Parfümeurin Louise Farina dieses Erbe mit der Série Extrait de Cologne weiter – mit dem Anspruch, die Geschichte des Hauses nicht nur zu bewahren, sondern ihre Bedeutung für die Gegenwart neu zu betrachten.
Seit 2024 steht Louise Farina an der Spitze des Hauses aus Köln – als erste Frau in über 300 Jahren. Zugleich ist die 26-Jährige Teil einer Familie, in der Verantwortung stets gemeinsam getragen wurde: Schon ihre Großmutter Tina prägte das Unternehmen über viele Jahre hinweg aktiv mit. Eine Rolle, die sie nicht als Bürde beschreibt, sondern als etwas, das seit ihrer Kindheit selbstverständlich zu ihrem Leben gehört. Dabei beginnt alles lange, bevor ihr der Name Farina tatsächlich etwas bedeutet. Eine der frühesten Erinnerungen: ihr Vater Johann Maria – wie viele Generationen vor ihm nach dem Gründer benannt –, der von Reisen ätherische Öle mitbringt und sie ihr unter die Nase hält. Bergamotte, Jasmin. „Ist das nicht schön?“ Kein inszenierter Moment, sondern eine kleine Szene aus dem Alltag – und vielleicht gerade deshalb eine, die geblieben ist. „Ich habe diese Szene im Kopf, aber ich kann gar nicht sagen, wie alt ich war, vielleicht sechs oder sieben.“ Was zunächst intuitiv beginnt, bekommt erst später seine eigentliche Bedeutung.Heute verbindet Louise Farina Familiengeschichte, Parfümerie und unternehmerische Verantwortung. Im Gespräch wirkt sie aufmerksam und zugewandt. Sie gestaltet – mit dem Anspruch, das Haus weiterzuentwickeln, ohne seinen Ursprung aus dem Blick zu verlieren.
Eine neue Sprache für Cologne
Ihr Weg ist klar strukturiert. Nach dem Abitur studiert Louise Farina Chemie in Köln, um die Grundlagen der Parfümerie technisch zu verstehen. Es folgt das Studium an der ISIPCA in Versailles und schließlich ein betriebswirtschaftlicher Abschluss in Padua. Wissenschaft, Kreation und Unternehmertum greifen von Beginn an ineinander. Duft ist für sie nicht nur Ausdruck, sondern auch Struktur. Auch olfaktorisch bleibt ihre Handschrift eng mit ihrer Biografie verbunden. Bergamotte und Jasmin – die prägenden Noten ihrer Kindheit – bilden ein zentrales Koordinatensystem. Hinzu kommt eine Faszination für Moschus und Amber. Vielleicht erklärt genau diese Verbindung aus Erinnerung und Neugier auch ihren Zugang zu Duft: Sie sucht weniger nach dem spektakulären Effekt, sondern nach einer Balance, in der ein Duft etwas erzählt und gleichzeitig Raum für eigene Wahrnehmung lässt. „Wir machen seit über 300 Jahren das, was wir lieben.“ Dieser Satz fällt fast beiläufig. Doch er beschreibt sehr gut, warum Louise Farina Tradition anders versteht: nicht als Pflicht, sondern als etwas Lebendiges. Der Satz ist weniger Botschaft als Haltung: Tradition bedeutet für sie nicht Stillstand, sondern Weitergehen – auch in Krisen.
„Wenn es mir nicht gut geht, schaue ich mir Bilder des Hauses nach dem Zweiten Weltkrieg an. Da war nichts mehr – und trotzdem hat jemand gesagt: Wir machen weiter.“ Verständnis wird zur Voraussetzung für kreative Freiheit. Das zeigt sich gerade in der Arbeit mit Naturstoffen. Dabei bleibt die Analyse für sie immer mit dem Erleben verbunden. Rohstoffe sind für sie keine abstrakten Bestandteile, sondern Ausgangspunkte für Geschichten und Stimmungen.
Zitrusnoten – zentral für das Eau de Cologne – folgen eigenen Gesetzmäßigkeiten: „Sie werden nie tagelang halten – das liegt in ihrer Struktur. Aber genau darin liegt auch ihre besondere Wirkung.“
Mit der neu lancierten Série Extrait de Cologne übersetzt Louise Farina diesen Ansatz in eine neue Duftgeneration. Ausgangspunkt bleibt das klassische Eau de Cologne – ein Symbol für Frische und Leichtigkeit. Die zentrale Frage dabei: Wie lässt sich eine Duftidee, die seit Jahrhunderten funktioniert, in eine neue Zeit übersetzen? Für Louise Farina beginnt diese Arbeit nicht nur historisch, sondern auch persönlich: Berührt mich dieser Duft? Bleibt er im Gedächtnis?
Ein entscheidender Impuls entsteht bereits während ihres Studiums. Dort begegnet sie dem Duft-Experten und Sensorik-Dozenten Nicola Pozzani. Entscheidend ist für sie nicht nur sein Wissen über die Geschichte der Parfümerie, sondern seine Fähigkeit, neue Fragen zu stellen. „Ich wollte unbedingt mit ihm zusammenarbeiten!“


Die neue Série Extrait de Cologne. „Mit größtem Respekt vor der ursprünglichen Formel wollten wir Eau de Cologne neu denken!“
Denkmuster werden hinterfragt
Im weiteren Verlauf entwickelt sich ein enger Austausch, geprägt von Gegenentwürfen und Perspektivwechseln. Pozzani fungiert nicht als klassischer Creative Director, sondern als Sparringspartner, der bestehende Denkmuster bewusst herausfordert. Themen wie ungewöhnliche Spannungsfelder zwischen Frische und Tiefe oder ein Gourmand-interpretierter Bergamotte-Akkord entstehen aus diesem Dialog – oft zunächst weit entfernt von der vertrauten Farina-Duftwelt.
Parallel dazu übernimmt das Dufthaus Mane gemeinsam mit den in Grasse arbeitenden Parfümeuren Julie Massé und Mathieu Nardin die olfaktorische Umsetzung. Beide entwickeln jeweils drei der sechs Düfte. Die Verbindung ist dabei nicht nur professionell, sondern auch persönlich gewachsen: Louises Vater steht seit Jahren im Austausch mit Julies Familie – eine Vertrauensbasis, die den kreativen Prozess begleitet. Aus Ideen werden konkrete Formeln und Duftstrukturen. Besonders dort, wo die Kollektion bewusst über das klassische Farina-Spektrum hinausgeht – etwa bei Gourmand-Akkorden oder modernen Moschusinterpretationen –, beginnt die eigentliche Suche: Wie weit kann man gehen, ohne den Ursprung zu verlieren?
An diesem Punkt wird die Aufgabe von Louise Farina besonders sichtbar. Sie hält diese unterschiedlichen Kräfte zusammen – die Geschichte und der Charakter des Hauses, die externen Impulse, die technischen Möglichkeiten. Sie entscheidet, was bleibt, was weiterentwickelt wird und wo Grenzen gezogen werden müssen. Das Ergebnis sind sechs Düfte, die zwischen verschiedenen Polen arbeiten: italienischer Ursprung, französische Raffinesse, Kölner Identität. Keine radikale Abkehr, sondern eine präzise Weiterentwicklung. „Mit größtem Respekt vor der ursprünglichen Formel wollten wir Eau de Cologne neu denken – klar, emotional und zeitgemäß.“ Auch die französischen Namen folgen dieser Logik:
„Das war schon damals die Sprache unserer Kunden – und ein Teil unserer DNA, die wir bewusst weiterführen.“ So werden etwa Bergamote Admirable, Mandarine Bonheur und Sillage Am-bré nicht nur olfaktorisch, sondern auch sprachlich in diese Tradition eingebettet.
Gestalten statt bewahren
Unter dem Label Farina est. 1709 wird die Marke heute konsequent als historisches Original positioniert – mit einem klar modernisierten Erscheinungsbild und einer geschärften Identität. Für Louise Farina bedeutet das keinen Bruch: „Ich entwickle das, was wir tun, kontinuierlich weiter.“ Besonders greifbar wird diese Haltung im Farina Atelier. Besucher bleiben hier nicht Beobachter, sondern werden selbst aktiv – sie können ohne Vorwissen riechen und wahrnehmen, vergleichen, komponieren. Das Atelier wird so zur Erweiterung im historischen Stammhaus – jenem Ort, der einst namensgebend für „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz“ war. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander.
Wichtig ist ihr: Nähe zum Produkt entsteht nicht über Erklärung, sondern über eigenes Erleben. Auch in kreativen Prozessen setzt sie bewusst auf Austausch. Bei aller Dynamik braucht es Gegenpole. „Die Natur ist mein Allheilmittel“, sagt Louise Farina. Es sind ruhige Momente: Spaziergänge, Zeit mit dem Pferd, Reisen ohne festes Ziel. Orte, an denen sie Abstand gewinnt – und Gedanken sortiert. Viele dieser Eindrücke verarbeitet sie. Farben, Lichtstimmungen, Materialien. Ein bestimmtes Rot – heute Teil der Markenästhetik – geht auf eine Entdeckung in Südfrankreich zurück. Reisen führen sie immer wieder nach Italien und Frankreich – dorthin, wo ein Teil der kulturellen Handschrift von Farina verankert ist.
Und doch endet der Bogen oft ganz nah. Auf die Frage, was für sie nach Heimat riecht, zögert sie nicht: Magnolien. „Dieser Duft im Frühling – das ist für mich Zuhause.“ Es ist eine leise, fast unspektakuläre Antwort – und doch ausdrucksstark. Denn sie zeigt, was ihre Arbeit im Kern ausmacht: die Verbindung von Erinnerung und Gegenwart. Nicht als Inszenierung, sondern als Kontinuität. Genau darin liegt wohl die Stärke von Louise Farinas Ansatz: Sie sucht keinen Bruch mit der Vergangenheit – sondern einen Weg, herauszufinden, was davon in Zukunft lebendig bleiben kann.
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 04/2026

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 04/2026






