„Grasse war für mich eine Offenbarung“
Als einer der wenigen deutschen Parfümeure kreiert Ralf Schwieger seit vielen Jahren herausragende Düfte. Mit Dr. Bodo Kubartz, der ihn in Mane’s Fine Fragrance Studio in New York City besuchte, sprach er über die Anfänge. „Für mich als Norddeutschen war es eine Offenbarung, in Grasse die duftende Natur wahrzunehmen.“
Der Riech- und Duftstoffhersteller Mane wurde 1871 in der Nähe der französischen Stadt Grasse gegründet. Das Unternehmen unterhält Creative Studios für Luxusparfümerie in Paris, São Paulo und New York. Dort in der Madison Avenue treffe ich Ralf Schwieger. Der Norddeutsche arbeitet seit 2008 bei Mane und ist schon insgesamt 15 Jahre in New York.
Wie kam er auf die Idee, Parfümeur zu werden? „Nach der Schule war ich unentschlossen: Goldschmied werden? Oder studieren? Medizin, Chemie oder Kunst kamen in Frage. Ich habe mich für die Chemie entschieden, denn schon immer wollte ich Dingen auf den Grund gehen.“ Eine Ausbildung bei einem Parfümeriehaus folgte. Sein sensorisches Interesse trieb ihn an: „Riechen, betasten, schmecken – das war alles gleich wichtig für mich in meiner Jugend. Ich habe mich den Dingen schon immer mit der Nase voran genähert.“ Während seines Studiums arbeitete er für ein Unternehmen, das sich auf die Dekoration von Parfümerien spezialisiert hatte. Dies ermöglichte ihm den Zugang zu einem großen Reservoir an Testern und Facticen.
„Die Passion bekam ein Reservoir, aus dem ich schöpfen konnte.“ So widmete er sich dem Thema bald beruflich – und hatte großes Glück: bei Givaudan-Roure in Grasse bekam er einen der heiß umkämpften Plätze.
Die Arbeit in Grasse skizziert er als in mehrfacher Hinsicht prägend: „Für mich als in Westfalen geborenen Norddeutschen war es eine Offenbarung, in Grasse die duftende Natur wahrzunehmen. Alles riecht dort: die Kräuter, die Mimosen, der Rauch der Kamine. Ein weitere Entdeckung waren die duftenden Essenzen auf den Regalen; ein ganzes Jahr lang haben wir dort nur unser Duftgedächtnis geschult. Herrlich! Meiner damaligen Lehrerin Francoise Marin bin ich immer noch für diese Erfahrung dankbar.“
Stets neugierig
Bei der Ausbildung ist es oft von Bedeutung, mit einer erfahrenen Nase zu arbeiten. „Einen Mentor hatte ich nicht wirklich“, erinnert sich Schwieger. „Allerdings hatte ich das Glück, einige Zeit lang Edouard Flechier
und Ursula Wandel bei der Arbeit zuzusehen und mit ihnen zu riechen. Das war sehr wertvoll.“ Bei der Entwicklung eines neuen Duftes fließen Inspiration und Ideen aus unterschiedlichen Bereichen ein: „Ich bin neugierig und manchmal wie ein Schwamm, den man nur an der richtigen Stelle ausdrücken muss.“ Seine Vorlieben? „Ich mag Gewürze und Kräuterdüfte, die mich an die Rohmaterialien erinnern, aus denen sie gewonnen wurden. Ich finde, der Kreationsprozess in der Parfümerie ähnelt eher dem Kochen als der Musik, obwohl wir von Akkorden und Harmonie sprechen. Blumige Noten sind eine Herausforderung für mich, in diesem Bereich ist es schwer, die Natur zu imitieren, gerade wenn man mit transparenten Duftnoten arbeiten möchte.“
Vorliebe für moosige Stoffe
Vielfach entwickeln Parfümeure über ihre Schaffensperiode hinweg eine Art Handschrift. Diese kreative Eigenart lässt Vorlieben durchscheinen. „Meine Kollegen sagen, dass ich bekannt für den Umgang mit moosigen Riechstoffen bin – Materialien etwa, die an Eichenmoos erinnern, das leider nicht mehr in der Parfümerie zur Anwendung kommt. Ich mag phenolige Riechstoffe, da sie mich an den Geruch der menschlichen Haut erinnern. Auch Materialien, die in den Laborregalen ein Schattendasein fristen, benutze ich gern. Mit diesen kann man hochdosiert interessante und bis dahin unerforschte Akzente erreichen. Auch Materialien, die heute ganze Duftfamilien definieren, wurden erst spät entdeckt und eingesetzt: Aldehyde in Chanel N°5, Calone in New West oder Escape und Maltol in Angel.“ Und wenn Zeit und Geld am keine Rolle spielen würden? Da hätte Schwieger gleich mehrere Ideen: „Mit viel Geld könnte man mal wieder die klassischen Blütenöle hochdosiert einsetzen – wie Rosenöl, das würde mich reizen. Ich habe ein paar Düfte, für die ich gern eine interessierte Marke finden würde.“ Seiner Schaffenskraft gönnt er gelegentlich Urlaub, in dem er abschalten kann – wenngleich er sagt: „Riechen tue ich natürlich trotzdem, den Geruchssinn kann man ja gerade nicht abschalten. Darüber bin ich froh!“

„Der Mass Market fordert einfache Duftkonzepte, die schon anderswo erprobt wurden. Der Nischenmarkt sucht nach Herausforderungen. Überdosierungen oder Düfte, die nur ganz gewisse Personengruppen ansprechen, sind gefragt.“
Mut zum eigenen Weg
Und wie beurteilt der die aktuelle Entwicklung am Markt? „Die Explosion der Nischenmarken ist spannend. Es mag zwar zu viele Offerten geben, aber die Leute wagen schon viel, um neue Wege zu gehen. Interessante Duftkonzepte sind jederzeit möglich, man muss nur den Mut haben, so etwas durchzusetzen. Und es gibt Beispiele, die zeigen, dass das auch durchaus kommerziell erfolgreich sein kann.“ Mit Blick auf den Handel würde er sich mehr Aufklärung, mehr kompetente Beratung wünschen. Denn „wenn die Menschen wüssten, wie Vetiver riecht, würden sie sich vielleicht nicht die vielen Pseudo-Varianten ‚andrehen’ lassen. Ich rede hier nicht gegen preiswerte Düfte. Aber wenn mit so etwas wie teurem Vetiver geworben wird, sollte auch eine erhebliche Menge dieses Stoffes enthalten sein. Leider ist das selten der Fall.“
Im olfaktorischen Dickicht plädiert er für ein „Weniger statt Mehr“: „Es gibt so viele Kopien von Düften, da komme ich häufig nicht mehr mit. Sogar unsere klassischen Duftfamilien sind heute nur noch schwer voneinander abzugrenzen. Die vielen bunten Dinge addieren sich leicht zu einem graubraunen Verwasch.“ Daher plädiert er für ein „down to earth“: „Ich finde, etwas mehr Einfachheit und Ehrlichkeit wären angebracht, auch in der Marketingsprache.“
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 3/2019

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de






