Plädoyer für Mut und Innovation
Der französische Parfümeur Christophe Laudamiel wohnt und arbeitet in Berlin und New York. Seine bewegte Biografie spiegelt naturwissenschaftliche und künstlerische Interessen wider. Im Gespräch mit Dr. Bodo Kubartz zeigt er auf, welch großes Potenzial in der Parfümeurskunst steckt.
Christophe Laudamiel hat für viele Marken gearbeitet: Abercrombie & Fitch, Clinique, Estée Lauder, Tom Ford, Tommy Hilfiger, Humiecki & Graef, Ralph Lauren oder The Fragrance Kitchen. Er schuf Klassiker wie Polo Blue for Men (Ralph Lauren) oder Fierce (Abercrombie & Fitch). Doch so erfolgreich seine Kreationen sind, Christophe Laudamiel schätzte stets die Arbeit mit Kollegen. Dazu zählen große Namen wie Carlos Benaim, Annie Buzantian, Sophia Grojsman und Olivier Polge. „Manchmal startet man gemeinsam, manchmal startet einer, der andere finalisiert. Ich habe bis dato bei meinen kreativen Kollaborationen nur positive Erfahrungen gemacht.“ Oft entwickeln Parfümeure ein Faible für gewisse Noten. Doch Lieblingsinhaltsstoffe möchte Laudamiel nicht nennen: „Das ist so, als ob man einen Maler nach seiner Lieblingsfarbe fragt.“
Neue Register und Wege
Mit seiner Nischenmarke „The Zoo“ startet der Parfümeur gerade durch. „Ich wollte Dinge zeigen, die die Öffentlichkeit üblicherweise nicht in Düften erlebt – konzeptionell und geruchlich. Denn im Vergleich zu Malerei, Musik und Fashion ist die Parfumkreation sehr eingeschränkt.“ Dies erfordere neue Register und Wege, um sich konzeptionelle Gedanken über die Markenorientierung zu machen. Auf der Website von „The Zoo“ erfährt der interessierte Leser: „Düfte sind wie Tiere. Sie repräsentieren Welten und liebenswerte Persönlichkeiten: manchmal zu erwartend, manchmal ganz überraschend … Manche sind domestiziert, manche wild, manche warten darauf, von uns entdeckt zu werden.“ Bildlich gesprochen führt Laudamiel die Idee des Zoos fort: „Vergiss nicht, dass es eine Zooführung und eine Zoopolizei gibt“, und verweist auf informative und ethische Inhalte, die er mit seiner Marke vermitteln will.
Fordernde Projekte
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Raumbeduftung, u.a. für Kunstprojekte, Museen und Events, wie das World Economic Forum in Davos oder auch für Spas und Hotels. Projekte, die ihn fordern, sind auch die Kreation von Kerzen für die sozial und ethisch inspirierte Public Benefit Corporation Keap oder der Scenttrack für den Film „Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders“. Die Projekterfahrung in diesem Metier zeigt: „Alle Marktteilnehmer sind, wenn sie sich nicht schnell verändern, zweite Klasse oder Little Player. Keineswegs nahe an großen Elektro- oder Mode-Giganten. Ich bin frustriert, weil ich es gewohnt bin, mit Weltunternehmen in den Bereichen Forschung & Entwicklung, Marketing, Verkauf und Management zu arbeiten.“ Gleichfalls relativiert er: „Aber es gibt Chancen. Seit 2010 arbeite ich zu mehr als 50 Prozent auf diesem Gebiet. Das wäre ohne eine weltweit vernetzte Community nicht möglich.“
„Wir sind rückständig“
Befragt nach der Entwicklung des Marktes, erklärt der Franzose: „Wir sind rückständig – qua Düfte und Konzepte. Es gibt einen Retro-Trend in der französischen Parfümerie, das zeigen Düfte wie Cartiers Panthère und La Treizième Heure oder Frédéric Malles Eau de Magnolia. Retro-Düfte mag ich, aber es handelt sich nicht um eine Revolution. Als ich die Parfumeursschule 1994 besuchte, dachte ich nicht, dass wir 24 Jahre später noch dort stehen. In den 1990ern hat mit den Frische- und Gourmand-Aspekten in Düften eine Revolution gegenüber den 1980er Jahren stattgefunden. Seitdem hat sich nicht wirklich sehr viel verändert – mit Ausnahme von zwei bis drei Meilensteinen.“ Hier nennt er Dolce & Gabbanas Light Blue, Terre d’Hermes und Gallop von Hermès sowie einige seiner Düfte.
Aktuell monieren auch andere Insider die Quantität und Qualität neu lancierter oder breiter werdender Marken. Marktübersicht und ökonomische Rationalität sind gefordert. Christophe Laudamiel bleibt entspannt: „Wir sind geprägt durch eine individualisierte, bunte Bevölkerung. Das birgt großen Spielraum. Ja, ein Melting Pot ist generell gut. Ich sage: Lasst das doch geschehen – denn dann sehen wir die ökonomischen Realitäten.“ Was er bemängelt: „In der Kreativität und im Businessbereich liegen wir zurück. Unser Business wird durch Distribution und den Fashionbereich ausgebeutet. Ich finde das ungehörig.“
Befragt danach, welche Möglichkeiten er sieht, Handel und Kunden neu zu verbinden, hat Christophe Laudamiel eine Empfehlung parat: „Baut Geschäfte, die aufgrund der Dufteindrücke, die sie vermitteln, mehr Bedeutung gewinnen – beispielsweise mit unterschiedlichen Räumlichkeiten und Duftwelten sowie mit Raumdüften der Woche.“

Hochtalentiert
Schon als Schüler machte Christophe Laudamiel auf sich aufmerksam: 17-jährig gewann er eine Chemie-Schülerolympiade. 1991 schloss er sein Chemiestudium an der Uni in Strasbourg ab. Im gleichen Jahr wurde er im Chemie-Doktorandenprogramm des Massachusetts-Institute of Technology angenommen; ein Jahr später wechselte er als Teaching Assistant zur Harvard University. 1994 ging er an Procter & Gamble’s Creative Perfumery School nach Newcastle/UK. Nach diesem Studium stieg er zum Master Perfumer auf und entwickelte zunächst funktionale Düfte wie die preisgekrönte Lenor-Kirschblüte. 2000 ging er zu IFF nach New York, kreiert seither „feine Düfte“ – und schuf Welthits. Im Mai 2017 wurde Christophe Laudamiel, seit einigen Jahren Freiberufler, bei den Art & Olfaction Awards in Berlin mit dem „Award for Exceptional Contribution to Scent Culture“ ausgezeichnet.






