Spreewald: Von Lutkis, Schlangen und Gurken

Byhleguhre-Byhlen, Lieberose, Caminchen und Steinreich – wie aus einem Märchen klingen die Namen dieser Ortschaften. Zu finden sind sie nur 100 Kilometer von Deutschlands Hauptstadt entfernt – im Spreewald. Von der Hektik Berlins ist hier nichts mehr zu spüren. Auf den ersten Blick scheint dieser Landstrich verschlafen, doch der zweite Blick lehrt einen etwas anderes. Es sind die leisen Töne, die diese Gegend im Südosten Brandenburgs
so sehens- und liebenswert machen.

Spreewald – der Name ist ein wenig irreführend. Denn Wald im klassischen Sinne gibt es hier weniger. Protagonist ist vielmehr die Spree samt ihrer vielen kleinen Abzweigungen, oft passt da gerade einmal ein Kahn hindurch. Diese Kanäle nennt man Fließe. Es gibt sie zu Hunderten. Das Wasserlabyrinth ist für die Einheimischen ein Transportweg, so wie andernorts die Straße. Viele der Häuser haben deshalb auch zwei Eingänge, eine Tür vorn und eine hinten, dort wo der Familienkahn anlegt oder die Post. Denn in den Frühlings- und Sommermonaten werden Briefe und Päckchen auch übers Wasser gebracht. Und das erfordert echte Muskelkraft, im Spreewald sind motorbetriebene Kähne verboten. Der Postbote muss sich also mühsam mit der Ruderstange vorwärts bewegen. Die Zustellung per Kahn hat Tradition. Sie jährt sich in diesem Jahr laut Deutscher Post zum 120. Mal.

In früheren Jahren brachte man über die Wasserstraßen der Spree sogar das Gemüse bis nach Berlin. Kohl, Rüben, Möhren, Zwiebeln, verschiedene Getreide … auf den windgeschützten Flächen zwischen den Fließen war zwar nicht viel Platz, aber die Qualität stimmte. Und auch das Rindfleisch war und ist beliebt. Dank der saftigen, immer feuchten Wiesen gedeihen die Tiere prächtig.

Heute gibt vor allem die Gurke dem Spreewald sein Image. Und tatsächlich, wenn auf einem Glas oder einer Konserve „Spreewälder Gurke“ drauf steht, muss sie auch zu 100 Prozent drin sein, also in der Region angebaut verarbeitet.

Keine Hektik, weit und breit

Ist man im Spreewald unterwegs, fühlt man sich ein wenig an seine Kindheitstage erinnert. Als man noch viel bei und mit sich war, die Tautropfen auf dem Spinnennetz zählte, mit dem Fahrrad einfach quer über die Wiese fuhr und auf der Picknickdecke unterm Baum lag, durch dessen Äste und
Blätter die Sonne kitzelte.

Die Menschen hier haben es geschafft, die Natur weitestgehend in Ruhe zu lassen. Deshalb ist der Spreewald seit 1991 auch Unesco-Biosphärenreservat. Die Idylle zieht Jahr für Jahr mehr Besucher vor allem aus dem nahen Berlin und Sachsen an – urige Ausflugslokale, hübsche Hotels, gemütliche Kutsch- und Kahnfahrten … Die Region lebt inzwischen gut vom Tourismus.

Wer in den Spreewald kommt, hat meist Sportliches im Sinn. Paddeln auf den vielen Kanälen, Radeln auf gut ausgebauten Wegen, meist am Wasser entlang, und Wandern durch die romantische Auenlandschaft.

Unterm Weidendom das Jawort geben

Schmucke Städtchen und Dörfer gibt es auch anzuschauen. Durch Lübben verläuft nicht nur die Grenze von Ober- und Unterspreewald, hier kann man auf der Schlossinsel Räuber und Gendarm spielen, sich anschließend in der SpreeLagune, einem Wasserwanderrastplatz mit Naturbadestelle, ausruhen oder im behaglichen „Strandhaus“ nächtigen. Ein Stückchen weiter findet man Schlepzig, wohl eine der schönsten und ältesten Gemeinden in Brandenburg. Viele Kahnfahrten starten von hier, und mit dem Hotel „Seinerzeit“ und der Brauerei gleich nebenan kann man durchaus länger als einen Tag verweilen. Besonders beliebt: Trauungen im Weidendom, den man auf der weitläufigen Hotelanlage gleich neben der hauseigenen Kahnanlegestelle findet.

Lübbenau hingegen punktet mit seinen verwinkelten Gassen und alten Bürgerhäusern in der historischen Altstadt sowie einem Park mit Schloss, Orangerie, Marstall und gräflicher Gerichtskanzlei. Tipp: Vom Schlosspark wandert man nur etwa einen Kilometer zum schmucken Spreewalddorf Lehde, das Theodor Fontane als Lagunenstadt im Taschenformat beschrieb. Und da wären noch Straupitz mit seiner Kirche, die nach den Plänen des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel erbaut wurde und Burg, flächenmäßig eine der größten Gemeinden des Spreewaldes. Wellnessfans verbinden den Kurort mit Spreewald Therme, seiner Solequelle und dem weit über die Region hinaus bekannten Wellnesshotel „Bleiche Resort & Spa“.

Sehr beliebt ist der 60 000 Quadratmeter große Kur- und Sagenpark mit Kräuter-, Pflück- und Rosengärten, Streuobstwiesen und zahlreichen Skulpturen aus der sorbisch/wendischen Sagenwelt. Wenn man abseits der Wege geht und etwas Glück hat, sieht man vielleicht eine Ringelnatter oder eine Blindschleiche durchs Gras huschen. Mit den Schlangen verbinden die Spreewälder zahlreiche Sagen und Legenden. Sie gelten als gute Geister und retteten so manchen Einwohner vorm Ertrinken. Denn bei drohendem Hochwasser krochen sie instinktiv auf die Anhöhen im Spreewald, die nicht überschwemmt wurden. Von der Ehrerbietung zeugen heute noch die zwei gekreuzten Schlangenköpfe an den Dachgiebeln vieler Häuser.
Das Rascheln im Unterholz muss aber nicht unbedingt eine Schlange sein. Vielleicht sind es auch die Lutki, Leutchen oder Luttchen (sorbisch/wendisch lutki) – der Sage nach ein Volk von emsigen Zwergen, die besonders am Schlossberg in Burg zu finden sind. Sie helfen den guten Menschen, spielen den bösen jedoch Streiche. Und – sie können zaubern! Nicht weiter verwunderlich hier im Spreewald …

Unsere Hoteltipps:

Die komplette Strecke über den Spreewald aus der SPA inside (Mai/Juni 2017) ist auch als E-Paper erhältlich.

Titelbild: (c) Bleiche Resort & Spa

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