„Parfum soll das Leben schöner machen“
Marie Salamagne ist eine der erfolgreichsten Parfümeurinnen. Die Französin, seit mehr als 20 Jahren tätig, hat sich international als Star der Szene profiliert. Dufterfolge für Fashion- und Luxusmarken von Giorgio Armani, Dolce&Gabbana bis Yves Saint Laurent und für Nischenbrands wie Atelier des Ors und Jacques Fath zeigen, dass sie die breite Klaviatur der Düfte meisterhaft spielt.
Leidenschaft und Tun gehören untrennbar zusammen. Das hat Marie Salamagne von ihren Eltern gelernt, die beide als Ärzte arbeiten. Die 45-Jährige sportlich-dynamische Französin ist verheiratet und zweifache Mutter. Sie ist feinsinnig, pfiffig, wortgewandt, klar und mit gewinnendem Lächeln auf den Lippen. Geruchsaffin ist die Pariserin seit jüngster Kindheit.
„Ich schätze die besonderen Gerüche unseres Ferienhauses in der Dordogne, der Duft des Kamins oder zarter Blumen. Meine stärkste Kindheitserinnerung: der einzigartige Geruch dortiger Akazienblüten, die wir beim Zubereiten von Beignets (Krapfen) nutzten. Gut erinnere ich mich – meine Eltern sind Anästhesisten – an den Geruch von Arznei- und Desinfektionsmitteln, der sich zuweilen mit ihren Parfums mischte.“ Mit letzterem kam sie früh in Berührung: „Ganz jung trug ich Eau Sauvage meines Vaters. Mein wirklicher Einstieg: Mit zehn Jahren benutzte ich Tartine et Chocolat, damals ein Hit in Frankreich.“
Nach dem Schulabschluss studierte die junge Frau zielstrebig Chemie, um danach an der ISIPCA in Versailles zu starten, der Parfümeursschule schlechthin. Umgehend knüpfte sie Industriekontakte, wurde beim namhaften Hersteller Charabot in Grasse angestellt. Dort gewann sie Einblicke in die Komplexität natürlicher Inhaltsstoffe. 2001 wechselte sie zum Top-Player Firmenich, zuerst nach Genf, dann Princeton, New Jersey. „Meine gesamte Ausbildung dauerte zehn Jahre. Dabei lernte ich viel über Methoden verschiedener Kompositionstechniken kennen. Aus den USA kommend wechselte ich zum Feinparfümerie-Team nach Paris.“ Hier herrschen Konkurrenz, enge Taktung, hohe Anforderungen. Schnell wird ihr Können wahrgenommen. Erfolge stellen sich ein. Doch sie behält Bodenhaftung, bleibt zugewandt: „Mein Job als Parfümeur erhält seine wahre Bedeutung durch das menschliche Abenteuer. Der kreative Akt entsteht aus magischen Begegnungen mit den Menschen, die Marken zum Leben erwecken.“
Ähnlich sieht sie das Zusammenspiel mit Kollegen: „Die Meisterparfümeure, mit denen ich arbeiten durfte, machten mir ein außergewöhnliches Geschenk. Ich hatte die Chance, mit Olivier Cresp als Mentor sowie mit Alberto Morillas und Jacques Cavallier-Belletrud zu arbeiten. Ihr Coaching war ein Privileg, ich schätze alle Momente, mit ihnen zu arbeiten. Wir entwickeln Ideen, tauschen uns aus, um ein emotional aufgeladenes Projekt zu verwirklichen. Denn die Parfumentwicklung ist eine Sache der Leidenschaft. Wir investieren alles aus unseren Herzen.“
Geschliffene Duftdiamanten
Persönliche Momente sind ihre Inspirationsquellen, „angetrieben von Erinnerungen aus der Kindheit, von Reisen, von alltäglichen Begebenheiten.“ Geistesblitze hält die Duftkreateurin stets für spätere Umsetzungen fest. „Alle wertvollen Ideen notiere ich in kleine Hefte. Ich habe immer etwas zum Schreiben dabei.“ In der Kreation nutzt sie gerne Rohstoffe, die Geschichten erzählen. „Perubalsam, Guajakholz, Weihrauch sind extrem facettenreich. Rieche ich sie, entstehen Inspirationen. Die Art der Behandlung der natürlichen Stoffe bringt neue Facetten zum Vorschein. Mysteriöse Düfte geben mir die Möglichkeit, sie in etwas Modernes, Helles zu verwandeln.
Patschuli ist mein Favorit.“ Die Arbeit für Kunden ist spannend, vielschichtig und herausfordernd, bilden Zeit und kosten oft den kritischen Rahmen. Marie Salamagne: „Im Nachhinein sind ein oder zwei Jahre nicht viel, um eine Kreation fertig zu stellen. Technische Aspekte wie die Diffusion des Duftes sind sehr wichtig. Es gibt viele Kontrollkästchen. Die Zeit ist dabei ein großartiger Verbündeter: sie ermöglicht es mir, zu retuschieren, zu verbessern, ein frisches Aussehen zu erhalten und zu schärfen.“
Die Kreative wählt bildgewaltige Analogien und griffige Vergleiche, um ihr Metier verständlich zu machen: „Wie bei der Behandlung eines Diamanten starten wir mit einer Rohversion und arbeiten bis zum fertigen Parfum. Wichtig: die Idee und Essenz, die Originalität der Note, im Blick halten. Dazu muss man manchmal einen Schritt zurücktreten, den Duft tragen, von anderen tragen lassen. Die Magie liegt oft auch in der Übertretung, im Verlassen der Straße. Das Brechen eines Codes ermöglicht es, neue Wege zu gehen, wie etwa die Arbeit mit männlichen Nasen an einem Blumenduft. Oder mit einem Immortelle Absolue, das gleichzeitig mineralisch, harzig, süchtig machend ist, aber auch eine Curry-Facette besitzt, ein wenig angebrannt riecht. Man muss Immortelle erst zähmen.“ Sie traut sich auch, wenig bekannte Rohstoffe zu verwenden und neue Kombinationen auszuprobieren. In der Arbeit für Atelier des Ors (Club Unique Brands) konnte sie dies umsetzen. Das Nischenlabel des Kreativkopfes Jean-Philippe Clermont stellt die facettenreiche Verbindung von avantgardistischer Parfümeurskunst und dem Handwerk des Vergoldens dar. Die meisten Düfte des Labels hat Salamagne kreiert.

Suche nach dem Unerwarteten
Flexibilität und Wagemut prägen ihren Stil: „Ich hoffe, meine Handschrift spiegelt die Suche nach dem Unerwarteten wider. Ich probiere gerne unsichtbare Akkorde, erkunde Materialien auf neue Weise. Ich verbiete mir nichts!“ Zugleich ist sie kundenorientiert: „Mein Stil kann sich Kontexten anpassen: Der Hauptabdruck kommt von der Marke und ihrem Universum. Ich liebe es, in verschiedene Welten einzutauchen.“
Aktiv und interessiert war sie schon immer. Als Kind tanzte sie, aktuell widmet sie sich der Malerei: „Farben sprechen mich an. Ich bin ein visueller Typ und nutze ein Farb-Notizbuch, das Gerüche assoziiert.“ Bestimmt hat sie auch auf ihren Reisen nach Senegal, Guatemala und Island viel notiert. Auch jenseits des Duftlabors spielen Künste eine zentrale Rolle: „Am Abend komponiere ich gerne. In der Freizeit fühle ich mich intellektuell frei von Projektaufgaben. Diese kostbaren Momente widme ich neuen Ideen – etwa, Materialien zu inszenieren. Ich stelle mir die Texturen, die Farben, die Volumen bildlich vor.“ Ihr finales Statement zum Sinn von Düften bleibt in Erinnerung: „Wenn ich Parfums eine einzige Rolle zuweisen müsste? Das Leben schöner machen und allen, die es tragen, Glück bringen!“
Der Beitrag ist erschienen in Ausgabe 1/2022 der INSIDE beauty

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
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