Meister der Düfte: Pierre Guéros

Der 360-Grad-Parfümeur

Pierre Guéros ist international inspirierter Erzähler, Visionär, Mentor – und Senior Perfumer bei Symrise. Seine Kreationen verbinden Technik mit Emotion und spiegeln die kulturelle Vielfalt seiner Lebensstationen wider.

Eine Mischung aus Pariser Urbanität, burgundischer Erde und mediterraner Sinnlichkeit prägt die olfaktorische Handschrift von Pierre Guéros. In Paris wächst er auf – als stiller, neugieriger Junge, der liest, zeichnet und Geschichten schreibt. Drei frühe Duftwelten prägen ihn: das Pelz- und Lederatelier seines Vaters in der Rue d’Hauteville mit seinen sinnlichen, warmen Noten; das Landhaus der Familie in Marmeaux (Burgund), umgeben von Kornfeldern, Obstbäumen und wilder Natur, die er gemeinsam mit seinem Bruder erkundet; und die Küche seiner griechischen Großmutter Agnès an der Pariser Peripherie – erfüllt von Honig, Zitrone und Gewürzen. „Die Küche meiner Oma schenkte mir die Neugier, den Nahen Osten mit einem Gefühl der Vertrautheit zu betrachten“, sagt er. Guéros ist ein umtriebiger Kreateur, der schon früh Erfahrungen sammelt und Verbindungen schafft. Er ist wissbegierig und pflegt die Kunst des Zuhörens – Kompetenzen, die er ebenso kultiviert hat wie seine Fähigkeit, Ideen präzise zu kommunizieren. Guéros ist höflich, ideenreich und bringt eine jugendliche Frische mit. Nach dem Abitur studiert er von 1992 bis 1996 Chemie und Biochemie. Durch Zufall entdeckt er die ISIPCA in Versailles – ein Schlüsselmoment: „Ich war berührt von der Kraft der Düfte.“ Der Entschluss, Parfümeur zu werden, steht fest. Zwei Jahre später beginnt seine Reise – nach dem Abschluss lebt und arbeitet er insgesamt 15 Jahre in drei Ländern, die mit ihren Menschen, Kulturen und Inspirationen seine Art zu kreieren entscheidend beeinflussen.

Von Bayern bis Dubai
Sein Weg führt ihn zunächst in die Nähe von München, wo er bei Drom (heute Givaudan) seine erste Stelle beginnt. In der familiären Atmosphäre des Dufthauses, geprägt von Mentoren wie Valérie Garnuch-Mentzel und Barbara Zoebelein, erlernt er die Grundlagen der kreativen und technischen Parfümerie. Nach Jahren in Deutschland wechselt er ins Drom-Studio nach New Yorks Tribeca – eine Stadt, die ihn lehrt, als „360-Grad-Parfümeur“ zu denken: mit technischer Präzision, kultureller Offenheit und einem Gespür für die emotionale Wirkung eines Duftes. Zwischen 2012 und 2015 baut Guéros für Symrise das Geschäft im Nahen Osten auf. In Dubai entwickelt er zusammen mit Tarik Anbar die ersten Fine Fragrances für die Region, reist von den Rosenfeldern in Taif bis zu den Weihrauchbäumen im Oman – und entdeckt eine Welt, in der Opulenz und Spiritualität eng verwoben sind. „In Dubai kultivierte ich meine Aufmerksamkeit für Kundennähe und entwickelte eine spezielle Technik für arabische und französisch-arabische Parfums. Das war damals auch in Europa sehr gefragt und gab mir die Möglichkeit, mit zahlreichen westlichen Marken an orientalisch inspirierten Düften zu arbeiten – etwa für Atkinsons, Carolina Herrera oder Givenchy.“

Stets verbinden seine Duftkompositionen technisches Können mit feinsinniger Poesie: „Hellenist (rechts) erlaubt mir, das Licht, die Sinnlichkeit und die Spiritualität Griechenlands olfaktorisch zu übersetzen.“

Kreative Handschrift
Seit 2015 arbeitet Guéros im Pariser Symrise-Studio. Seine Kreationen für Häuser wie Davidoff, Jil Sander, Elie Saab und Karl Lagerfeld verbinden technisches Können mit feinsinniger Poesie. Für ihn ist Parfümerie ein Prozess in drei Schritten: zuhören und die Marke verstehen; dann in der Einsamkeit das erste Akkordgerüst schaffen und schließlich im Dialog mit hausinternen Evaluatoren und Kunden die olfaktorische Erzählung vollenden. Doch auch jenseits etablierter Marken sucht er Räume für herausfordernde Projekte, die viel Freiheit bieten. Eine besondere Bedeutung hat für ihn die Zusammenarbeit mit Hellenist, einer jungen französischen Marke mit griechischem Bezug, gegründet von Jean-David Jacoby. Für Guéros ist sie weit mehr als ein Auftrag – sie ist ein emotionales Projekt, das seine familiären Wurzeln und seine Liebe zur hellenischen Kultur vereint. Die Marke versteht sich als Brücke zwischen antiker Mythologie und moderner Leichtigkeit – und spiegelt damit auch Guéros’ Haltung: die Verbindung von Tradition und zeitgenössischem Empfinden. Für Les Dieux aux Bains (Die Götter im Bad) komponiert er eine Hommage an mediterrane Lebensfreude: eine von Licht durchflutete Komposition aus Rosmarin, Wacholder und aquatischen Noten.

Philosophie & Verantwortung
Der Franzose betrachtet sich als Übersetzer zwischen Natur, Wissenschaft und Kultur. „Ein Parfümeur sollte die Welt durch Düfte verstehen lernen“, sagt er. Seine Reisen zu Rohstoffquellen – etwa zu Symrise-Projekten nach Madagaskar – sind für ihn Begegnungen mit den Menschen, die die Basis jedes Parfums bilden. Nachhaltigkeit ist für ihn keine Marketingformel, sondern Haltung: Respekt vor den Ressourcen, Bewusstsein für Herkunft und Aufwand. Seine Neugier gilt auch ungewöhnlichen Quellen – etwa der Umwandlung von Gemüseabfällen in Duftstoffe. So entstehen neue olfaktorische Nuancen: Zwiebel oder Lauch können, in Spuren eingesetzt, exotische Früchte natürlicher wirken lassen. Spargel eröffnet eine grüne, mineralische Dimension. Aktuell inspirieren ihn neue Symrise-Moleküle wie Flowerpool und Frostwood, die ihm erlauben, Frische auf neue, vielschichtige Weise zu denken. „Ich bin der Meinung, ein Parfümeur muss neugierig bleiben und Demut bewahren.“ Als Mentor begleitet Guéros junge Talente wie Christopher Pickel. „Ich sehe mich nicht als Lehrer, sondern als Mitreisenden. Kreativität ist ein gemeinsamer Weg.“ Zusammenarbeit ist für ihn zentral – ob im Team oder mit Kolleginnen wie Master Perfumer Emilie Coppermann.
Wenn Guéros nicht komponiert, zieht es ihn in die Welt der Kunst – besonders zu den Malern des 19. Jahrhunderts und der Wiener Moderne. In der Provence hat er ein Refugium geschaffen: ein kleines Haus inmitten der Garrigue, umgeben von Zistrosen, Rosmarin und Lavendel. „Die Arbeit mit Pflanzen lehrt mich Geduld und Demut – und erinnert mich daran, dass Kreation Zeit braucht.“
Reisen bleiben seine wichtigste Inspirationsquelle. Ob Korea, Brasilien oder Paris: Überall sucht er den Geruch der Orte, die Verbindung von Mensch, Kultur und Landschaft. Sein Traum wäre, „eine Duftkarte von Paris zu schaffen – eine olfaktorische Stadtführung durch Erinnerungen“. Vielleicht aber liegt das wahre Ziel seiner Kunst in etwas noch Intimerem: „Der Gral der Parfümerie wäre, den Geruch der Menschen, die man liebt, zu bewahren – und ihn in Momenten der Sehnsucht wiederzufinden.“
So endet der Bogen seines Schaffens dort, wo er begann – bei der Erinnerung als Quelle des Duftes, und beim Wunsch, Vergängliches festzuhalten.


Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 6/2025

Autor Dr. Bodo Kubartz traf Pierre Guéros vor kurzem in Brüssel. Dort war er in anderer Mission unterwegs: Der Parfümeur saß bei einem Tee-Festival auf dem Podium.
www.passion-and-consulting.de

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