Meister der Düfte: Francis Kurkdjian

„Für mich sind Rohstoffe wie Farbe für einen Maler“

Francis Kurkdjian ist einer der renommiertesten Parfümeure. Der Franzose mit armenischen Wurzeln hat in jungen Jahren Welthits kreiert und ist aus der Szene nicht wegzudenken. Seit 2009 widmet er sich seinem eigenen Dufthaus, ist darüber hinaus international gefragt und beauftragt. Ein Gespräch über geträumte Düfte, Parfums, die in Erinnerung bleiben und die harte Arbeit, Visionen zu realisieren.

Meister der Düfte haben oft besondere Biografien. So ist es auch bei Francis Kurkdjian. Der drahtig-sportliche Mann mit dem markanten Gesicht, Jahrgang 1969, wuchs in Gournay-sur-Marne auf, einem östlichen Vorort von Paris. Seine Familie ist tief in der armenischen Kultur verwurzelt: Ur- und Großeltern mit bewegter Geschichte im türkischen und armenischen Kulturraum flohen kriegsbedingt zu Beginn der 1920er-Jahre nach Frankreich, seine Eltern wurden in Frankreich geboren.
Die Kultur- und Familiengeschichte, Werte, Traditionen wurden lebendig gehalten, auch Francis ist von der Lebensweise geprägt. Er versteht sich als Franzose, doch schon aufgrund seines Nachnamens kommt er über seine Herkunft ins Erzählen. Kurkdjian ist kunst- und kulturbeflissen. Er liebt Bach, Debussy, Ravel und Chopin. Museumsbesuche inspirieren ihn, doch sie waren während der Lockdown-Phasen nicht möglich. „Wenn ich krank werden würde, wäre das Schlimmste, meine olfaktorischen Fähigkeiten zu verlieren!“ In dieser Phase der Einschränkung wurden neben dem regelmäßigen Klavierspiel auch die Gartenarbeit, der Aufenthalt in der Natur zu Hobbies, um zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen. Francis Kurkdjian ist Familienmensch, Freunde sind ihm wichtig. Der höfliche und taktvolle Franzose ist ein aufmerksamer Zuhörer und gewandter Kommunikator. Zwischen seiner kreativen Tätigkeit und seinem kulturaffinen Faible machen ihn zugleich ein kluger, strategischer Wille, Entscheidungsfreude und Ausstrahlungskraft aus.

Tänzer oder Parfümeur
Ursprünglich wollte Francis Kurkdjian Tänzer werden. Nachdem die Ballettschule für den Teenager keine Option wurde, sprach er bereits mit 14 enthusiastisch von schönen Düften und der Idee, Parfümeur zu werden. Er beginnt nach dem Schulabschluss eine Ausbildung an der Versailler Parfümeursschule ISIPCA, die 1970 auf Initiative von Jean-Jacques Guerlain gegründet wurde.
Das intensive Studium von Inhaltsstoffen und von existierenden Düften sowie der Austausch mit Mentoren prägen ihn: „Isabelle Doyen, Parfümeurin von Annick Goutal, trainierte uns, natürliche und synthetische Rohstoffe sowie fertige Düfte zu riechen. Wir lernten von Maestro
Guy Robert sowie von Sophie Labbé (Givaudan), die uns neu lancierte Düfte zeigte.“ Als Nobody war er an der ISIPCA gestartet, binnen kurzer Zeit wurde er ein „most wanted“.
Seine Karriere startet bei Quest (heute Givaudan). Schon Mitte 20 bis Anfang 30 verantwortet er herausragende Projekte, die internationale Blockbuster werden, wie Le Mâle von Jean-Paul Gaultier, Elizabeth Arden Green Tea oder Armani Mania. Über Nacht wird er berühmt. „Es ist aufregend und berauschend für Marken zu arbeiten, von denen ich als Teenager träumte, die ich an der Parfümeursschule studiert und manchmal getragen habe“, schwärmt er. „Plötzlich wirst du Teil ihrer Geschichte, gerade wenn sie Bestseller werden!“ Besonders spannend sind für ihn Projekte, die auf Face-to-Face-Kontakten mit Entscheidungsträgern basieren: „Die Zusammenarbeit mit Modedesignern war meine größte Freude: Mit John Galliano in Diors Atelier, mit Emanuel Ungaro in seinem Couture-Haus auf der Avenue Montaigne, mit Hedi Slimane bei Dior Homme und mit dem geschätzten Alber Elbaz (Modeschöpfer etwa für YSL, Tom Ford und Lanvin), der seine kreative Vision mit mir teilte. Diese Momente sind mir in bester Erinnerung geblieben.“
Der mehrfach ausgezeichnete Parfümeur gibt Einblick in die Entwicklung seiner Schöpfungen: „Meine Inspirationen werden nicht von den Rohstoffen getrieben. Rohstoffe sind ein Werkzeug, um den Duft zu kreieren, den mich mir vorstelle.“ Die Nase bemüht den passenden Vergleich mit anderen Kreativen: „Für mich sind Rohstoffe wie Worte für einen Schriftsteller oder Farben für einen Maler. Meine Lieblingsrohstoffe sind also jene, die mir helfen, den Duft zu komponieren, von dem ich träume!“

„Stolz bin ich auf alle Kreationen“, sagt der Meisterparfümeur. „Wegen seiner unverwechselbaren Merkmale würde ich Baccarat Rouge 540 herausheben“. Ab August gibt es drei neue Aqua-Düfte in der Cologne forte-Kollektion

Maison Francis Kurkdjian
Marc Chaya ist der beste Freund des Kreateurs, CEO sowie Mitgründer des Projektes Maison Francis Kurkdjian (MFK). „Wir nannten die Marke ‚Maison‘, weil ein Haus eine Seele hat und eine Geschichte, Bewohner und Freunde.“ Vom Pariser Headquarter gestalten die beiden seit der Gründung 2009 das Wachstum der Marke; das bedeutende Investment von LVMH 2017 skizziert den Erfolg. Seit 1. Juli 2021 ist die Nobilis Group exklusiver Vertriebspartner für MFK in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Bei MFK ist Marc Chaya der Organisator und Francis Kurkdjian Kreativdirektor. Der Namensgeber sieht sich als ein Teil des Ganzen: „Für jede neue Kreation braucht es Teamarbeit. Die ersten Schritte und die Kreation des Duftes erfolgen einsam. Danach übernimmt mein Team alle Schritte, um das Produkt ins Geschäft zu bringen: Produktentwicklung, Produktion, Kommunikation, Marketing, aber auch Geschäftsentwicklung, Vertrieb und rechtliche Fragen. Das Team arbeitet gemäß Marcs und meiner Vision.“
Nüchtern, authentisch und ehrlich sieht der Maestro notwendige Entwicklungen: „Große Ideen zu haben reicht nicht. Das sind nur zehn Prozent der Gleichung. Es geht um die Fähigkeit, Ideen zum Leben zu erwecken. „Der nächste Duft ist immer der aufregendste. Jeder neue Duft eine neue kreative Herausforderung, eine neue Geschichte, die es zu erzählen und in einer idealen olfaktorischen Form umzusetzen gilt.“ Als Beispiel nennt Francis „L’Homme À La Rose“: „Es war das Ziel, ein Parfum mit markanter Rosennote, das zugleich sehr maskulin ist, zu kreieren. Eine hochkomplexe Herausforderung! Ich habe einen Grapefruit-Akkord mit Damaszener-Rosenöl aus Bulgarien kombiniert, um ein Gefühl natürlicher Vitalität zu vermitteln. In der Herznote befinden sich rosige Noten, gepaart mit einem sehr holzigen Akkord, der Vertikalität verleiht. Holzige Ambra-Basisnoten verleihen Sinnlichkeit.“ Was ein Parfum unvergleichlich macht? „Es ist die Mischung aus einem zeitlosen, fast klassischen Element, einer zeitgenössischen Komponente und etwas Avantgarde.“ Francis Kurkdjian wird weiter für starke Akzente sorgen, zum Beispiel mit seiner neuen Kollektion Cologne forte.


Der Beitrag ist erschienen in Ausgabe 4/2021 der INSIDE beauty

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de

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