Wenn weniger mehr ist – Über offene Spielfelder, magische Momente und Cocooning
Es gibt wenige deutsche Parfümeure der Extraklasse. Geza Schoen setzt seit drei Jahrzehnten Maßstäbe. Er gilt als Meister des olfaktorischen Minimalismus. Dr. Bodo Kubartz traf ihn in Berlin.
Nach Jahren internationalen Engagements nennt Geza Schoen, Jahrgang 1969, seit 15 Jahren Berlin seine Heimat. Kreuzberg, unkonventioneller Schmelztiegel der Kulturen, ist Wohn- und Arbeitsort. Mit Partnerin Sophie, Architektin und private Duftgutachterin, und der vierjährigen Tochter Anna fühlt er sich hier zuhause. Sein Labor ist in direkter Nähe. Ebenso unkonventionell und lässig tritt er auf. Seine Sprache ist bodenständig, direkt. Er mag es undiplomatisch, zuweilen frech-anstößig und manchmal exzentrisch. Doch bleibt er stets authentisch, ehrlich, glaubwürdig – schlicht: er selbst. Eine weitere Seite, die er beherrscht: bedacht und überlegt agieren. Schoen ist ein nahbarer Kumpeltyp, mit dem man über sein Hobby Fußball mit Lieblingsverein Borussia Mönchengladbach reden, aber eben auch freigeistig philosophieren kann.
Der Start ins Metier ist ungewöhnlich
Mit 13 Jahren beginnt der aus Kassel stammende Schoen Düfte zu sammeln: „Ich hatte über 100 Herrennoten, konnte alle blind erkennen.“ Mit 16 lernt er in Wiesbaden zufällig die Tochter des Geschäftsführers von Haarmann & Reimer (heute Symrise) kennen, ein intensiver Austausch folgt. Das Ziel steht fest: Schoen bewirbt sich, beginnt im August 1990 in Holzminden, eine Stunde nördlich der Heimat, als Praktikant. Die Ausbildung zum Parfümeur startet 1992. Chefparfümeur Egon Oelkers bildet aus, legt Wert auf strukturiertes Vorgehen. „Das war sehr gut. Neben der Struktur konnten wir uns ausprobieren. Zu lernen, wie die Stoffe miteinander sind – wie sie sich verhalten in den unterschiedlichsten Mengen und Kombinationen. Das war echt cool.“ Noch als Azubi wird sein Talent entdeckt, er gewinnt Projekte heutiger Weltbrands wie Diesel, dessen Erstling er schuf. Die erste Zeit nach der Ausbildung besteht aus internationaler Kreativarbeit – von Singapur über London, New York nach Paris. London zog ihn in den Bann; nach seinem Ausscheiden bei Haarmann & Reimer Anfang 2002 zieht er von Paris erneut an die Themse. Nun selbstständig, erinnert er sich heute: „Für Linda Pilkington von Ormonde Jayne konnte ich frei arbeiten. Ich habe nicht viel verdient, aber die Arbeit war kreativ.“ Die Cash-Cow war ein Projekt für Bombay Sapphire. „Infusion: Ein Duft, der nach Gin und Tonic roch. Das war mein Geldsegen.“ Doch schon in Paris überlegte er, etwas Eigenes zu machen. In London arbeitete er an der Realisierung. Mit seiner Übersiedlung nach Berlin 2005 kam das „große Ding“.
Das Meisterstück
Mit Escentric Molecules, Exzentrik in Riechstoffen, schlägt er ein neues Kapitel der Parfümerie auf. Die Idee der Molekülinszenierung war und ist so genial wie trivial. Pro Molekül gibt es zwei Formen der Hommage. „Die Freaks, die Künstler und die Kreativen kriegen das Molecule. Die anderen, die ein bisschen mehr Duft wollen, können sich auf Escentric stürzen.“ Molekül Nr. 1 stand früh fest: „Seit 1990 wusste ich, dass Iso-E-Super magic ist. Von der Idee 1990 bis zur Lancierung dauerte es 15 Jahre!“ Iso-E-Super wurde 1973 im Labor von IFF entwickelt, ein holziger Riechstoff mit besonderen Qualitäten. Durch die Kooperation mit den britischen Geschäftspartnern Paul White und Dave Welsh erhielt seine Idee ein unternehmerisches Setting und wurde ein viel beachteter, kommerzieller Erfolg. Aktuell widmet sich das Label fünf Molekülen. Durch Escentric Molecules wird Geza Schoen weltweit bekannt. Das bringt Schwung in seine Auftragsbücher. Gerne arbeitet er für Künstler, die Bilder, Objekte, Installationen machen. „Projekte sind interessant, bei denen eine Materialität, Umgebung oder ein Gedanke in einen Geruch übertragen werden sollen. Sie bieten ein offenes Spielfeld.“ Um neue Ideen zu bekommen und um abzuschalten, verbringt er Auszeiten im eigenen Steinhaus auf Mallorca: ein Rückzugsort mit der Familie in den Bergen, um Energie und mediterrane Sonne zu tanken.

Über die Zukunft
Für die Beschreibung seiner Arbeit sucht der Kreative Vergleiche aus Architektur und Kochkunst. Wie ein Architekt gestaltet er mit klaren Vorstellungen, wie ein Duft werden soll. Wie ein Koch agiert er, wenn er das Entstehende immer wieder „abschmeckt“. In der Szene gilt er als olfaktorisch minimalistisch: „In jeder kreativen Disziplin ist weniger mehr. Wenn weniger besser ist als mehr, ist es zu favorisieren.“
Durch Corona ist einiges im Umbruch, auch in der Duftwelt. „Große Lancierungen mit vielen Menschen wird es in nächster Zeit nicht geben. Unseren aufwändigen Launch von Molecule und Escentric 05 im Frühjahr bei Harvey Nichols, London, mussten wir canceln.“ Gerade seien Homecare (Kerzen, Raumscents) gefragt. Für die Feinparfümerie skizziert er: „Aspekte wie Cocooning werden bedeutender. Wer Duft trägt, widmet sich mehr dem eigenen Wohlfühlen und den liebsten Menschen – nicht der breiten Masse.“ Den Umbrüchen ist mit klugen, innovativen Formeln zu begegnen. Raum für ideenreiche Entwicklungen sieht er auch im Handel, um diesen mit Kreativität und Innovation proaktiv zu gestalten: „Man wird Plätze finden müssen, wo die Leute Neues riechen können“, so seine Überlegungen. Das kann auch Zuhause sein. Ungewöhnliche Ideen sind gefragt, wie man Duft so verpacken und präsentieren kann, dass Kunden Spaß daran haben.“
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 5/2020

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de






