Segel, wohin das Auge blickt! Nicht Dutzende, nicht Hunderte, nein: Tausende Segelboote – groß und klein – sind es, die das Adria-Wasser jedes Jahr im Oktober verwandeln. Wie ein Teppich voller kleiner Punkte sieht das Meer aus, und das zehn Tage lang. Seit ihrer Auflage im Vorjahr steht die Barcolana (www.barcolana.it) in Triest im Guinnessbuch der Rekorde. Dieses Jahr, zur Nummer 51, kamen 17 000 Segler mit ihren Katamaranen, Booten und Surfbrettern in die Bucht. Was für ein Spektakel! Die Barcolana ist die größte Regatta der elt, direkt vor den Toren der Stadt – und bringt Publikum und Aufmerksamkeit aus aller Welt nach Triest. Mehr als 200 000 Besucher waren allein in diesem Jahr dabei.

Es ist noch gar nicht lange her, da war Triest – heute Hauptstadt der Region Friaul-Julisch Venetien im Nordosten Italiens – bei vielen Tourismus-Verantwortlichen ein recht dünn beschriebenes Blatt. So erzählt es Bernardo Ivancich, der aus Istrien stammt und seit 35 Jahren Gäste durch Triest führt. Auf Reisemessen in aller Welt sei die Stadt gewesen, musste dort stets aufs Neue ihre Lage erklären: nicht weit weg von Venedig! Doch aus dem Schatten der zwei Stunden Autofahrt entfernten Lagunenstadt ist Triest nach und nach ausgetreten. Mit vielen Ideen (und einem ganzen Berg Geld) haben die Marketing-Verantwortlichen die letzte Stadt kurz vor der Grenze nach Slowenien in den Blickpunkt dirigiert. Immer mehr Flüge bringen Urlauber auf den hiesigen Flughafen. Der ist klein, aber hochmodern ausgerüstet und hat Platz für noch mehr. Die Hafenstadt, gelegen auf einem schmalen Landstrich zwischen Adriaküste und felsigen Karstbergen, hat jede Menge Potenzial – und eine überaus bewegte Geschichte.

Vom Fischerdorf zum Tor zur Welt

Bernardo Ivancich kann sie im Schnelldurchlauf erzählen, während er Besucher auf seiner dreistündigen Tour durch die Altstadt führt. Start ist stets auf dem wichtigsten, größten, schönsten Platz – der Piazza dell’Unità, dessen eine Seite zum Meer hin offen ist. „Einst war Triest ein Fischerdorf, mehr nicht“, sagt Ivancich. „Tergeste“ hieß die erste Siedlung, später wurde Triest daraus, von den Römern als Kolonie zum wichtigen Hafenort entwickelt. Der Ort wuchs rasant, wurde dank des Handels zur Metropole. Gut 500 Jahre, bis 1918, regierten die Habsburger – Österreich hatte dadurch Anschluss ans Meer. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Triest Italien zugesprochen, nach dem zweiten stritten Italien und Jugoslawien lange Zeit um den Einfluss. Erst 1975 wurde die Grenze per Vertrag eindeutig festgelegt, Triest war damit nun endgültig italienisch. Aber abgeschlagen, ganz am Rand kurz vor der Mauer zu Osteuropa – mit dramatischen Folgen: Die Jugend wanderte ab, die Arbeitslosigkeit stieg, der Hafen verlor an Bedeutung. Triest hatte die älteste Bevölkerung Italiens, war nahezu isoliert, grau und ohne Zukunft.

Multikulti und entspannt

Wer Stadtführer Ivancich durch die herausgeputzten Häuserzeilen folgt, der weiß, dass es anders kam – den politischen Umbrüchen sei Dank. Triest sieht sich heute durchaus stolz als Tor Italiens zu Osteuropa. Die Lage mitten zwischen den Ländern und Kulturen hat ihre Spuren hinterlassen. Vor allem ein Hauch von Österreich weht – dank vieler Bauten und Traditionen – durch die Gassen. Multikulti geht es zu und entspannt. Dolce Vita trifft Wiener Kaffeehaus-Kultur, ein Überbleibsel der einstigen Herrscher. Und der Hafenlage geschuldet, denn Kaffee kam und kommt tonnenweise per Schiff an. Heute wird nirgendwo in Italien mehr getrunken als in Triest – zehn Kilogramm Bohnen pro Kopf und Jahr. Egal wie: ob Nero (klassischer Espresso in kleiner Tasse), „Nero in B“ (im Glas serviert, schon Schriftsteller James Joyce liebte ihn), Deca (koffeinfrei in der Tasse) oder Capo (Espresso mit einem Schuss Milch) – Kaffee ist Kultgetränk und wird heiligengleich verehrt. Illy, einer der größten Produzenten weltweit, röstet am Stadtrand im Akkord Nachschub.

Alles im Umbruch

Die Triester genießen den entspannten Alltag in ihrer Stadt, deren Lebensqualität zu den höchsten im Land zählt. Die Universität ist populär und zieht junge Leute an. Es wird gebaut
und saniert, ein ganzer Teil des alten Hafengeländes hinter dem großen Bahnhof ist im Umbruch. Dort wächst Triest zur „Stadt der Wissenschaften“ heran – mit Forschungszentren, die Einwohner und Experten ins Gespräch bringen sollen. Und so den Fokus weiter auf die Region im Aufschwung zwischen West- und Osteuropa lenken soll. Und wer weiß: Vielleicht müssen die Venezianer ja in Jahren die Lage ihrer Stadt mit „nicht weit weg von Triest“ erklären.

Unsere Hotel-Tipps für Triest:

Das komplette Special über Triest inklusive Vorstellung der Hotels und Reisetipps wurde in SPA inside 6/2019 veröffentlicht – die auch als E-Paper erhältlich ist!