Meister der Düfte: Quentin Bisch

Die elegante Note der Langsamkeit

Quentin Bisch ist einer der gefragtesten Nachwuchsparfümeure. Der Franzose, Jahrgang 1983, spielt die breite Klaviatur. Er hat mit Düften für Thierry Mugler, Chloé, Paco Rabanne und Jean Paul Gaultier Bestseller gelandet und kreiert für Nischenbrands wie Marc-Antoine Barrois und Etat Libre d’Orange. Ein Gespräch über Entschleunigung und Düfte, die umwerfen.

Der smarte Charakterkopf gilt als einer der talentiertesten Kreativen im globalen Duftbereich. Quentin Bisch, der sportlich-schlanke Enddreißiger mit Fünftagebart, hat einen aufmerksamen Blick, ist ein exzellenter Beobachter und kluger Kopf. Mit sanfter Stimme bringt er Gedanken akzentuiert und klar zum Ausdruck. Bisch wuchs bei Strasbourg auf. Im Alter von fünf zog er mit den Eltern nach London. Der Ortswechsel blieb dem Kreateur in Erinnerung: „London hat mich fasziniert mit Gerüchen: Cookies, Gurke, Ingwer, indische Gewürze. Doch ländliche Düfte wie saisonale Blumen und Früchte waren für mich von grundlegender Bedeutung. Meine Einstellung zum Parfum prägen sie nach wie vor.“ Die frühen Berufswünsche des Heranwachsenden sind eindrucksvoll: „Als Kind träumte ich davon, Juwelier oder Archäologe zu werden: Juwelier aufgrund der Magie von Edelsteinen, bei der Archäologie war ich von der antiken Mythologie fasziniert. Im Alter von 12 dann die Offenbarung: Einer meiner Lehrer trug Opium!“ Bisch inspiziert die Welt fortan durch die Nase. „Ich hatte die Gelegenheit, bei meinen Eltern mit Düften aufzuwachsen. Meine Mutter liebte Blumen, zu jeder Jahreszeit stand ein Blumenstrauß auf dem Tisch: Hyazinthen im Januar, Mimosen im Februar, Flieder im April, Maiglöckchen im Mai. Zudem gab es einen schönen Obstgarten mit verschiedenen Pflaumen- und Birnensorten. Dies alles war sehr inspirierend!“ Zunächst begann er ein Studium der Theaterwissenschaften an der Universität Strasbourg, das er nach fünf kreativen Jahren erfolgreich abschloss. Nebenbei organisierte und leitete er Aufführungen. Mit 24 startete er in der Parfumbranche.

Willen, Mut und Vertrauen
Novizen finden einen Einstieg ins Metier, indem sie bereits auf Kenntnisse verweisen können. Dazu kam es, indem Bisch erfolgreich mit Meisterparfümeur Michel Almairac, von Bischs CV überzeugt, in Kontakt trat. „Er holte mich zu Robertet nach Grasse. Dort habe ich an meinen ersten Akkorden gearbeitet. Michel sagte immer: Für die Parfümerie muss man nach Kontrasten suchen. Das habe ich immer im Hinterkopf behalten.“ Lange träumte er davon, an der Parfümerieschule von Givaudan, der Referenz in der Branche, zu studieren. Man lud ihn zum Gespräch, testete ihn. „Et voilá, eines Tages rief Jean Guichard, Direktor der Schule, an: Ich war aufgenommen!“ Eine intensive, dreijährige Ausbildung begann. Als angehende Nase lernte er, sich an über 500 Duftstoffe zu erinnern und Formulierungen zu erstellen. An der Schule wird das olfaktorische Gedächtnis trainiert, Synergien zwischen den Materialien hergestellt. Ende 20 war der dynamische Kreative fertig. Schnell stellten sich innovative Erfolge ein. Für ihn bedeutsam: das entgegengebrachte Vertrauen. „Es ergab sich die Möglichkeit, mit dem erfahrenen Jacques Huclier an ‚La Fin du monde‘ für Etat Libre d’Orange zu arbeiten, danach an ‚A*Men Ultra Zest‘ für Mugler.“ Das war 2013. Schnell folgen weitere Hits, für große wie kleine Brands. Bisch beschreibt den schöpferischen Prozess: „Ein Parfum zu kreieren ist einzigartig. Ob mit starken Ideen des Kunden oder in völliger Freiheit. Es geht stets darum, sich das jeweilige Projekt zu Herzen zu nehmen.“ Die größte Herausforderung sei dabei die Zeit. „Doch gibt es Ausnahmen.“

Ganymede, der felsige Mond Jupiters wurde 1610 von Galileo entdeckt. Mineralisch zeigt sich der gleichnamige Duft von Marc-Antoine Barrois. Für Van Cleef & Arpels inszenierte Bisch Facetten von Neroli neu

Kunstvoller Luxus
Folgende Beispiele verdeutlichen diesen kunstvollen Luxus, wenn die Duftentwicklung ohne Zeitdruck erfolgen kann. Bei Néroli Amara, einem der neun Düfte für die Extraordinaire-Collection von Van Cleef & Arpels (Nobilis Group), ging es darum, Facetten von Neroli neu zu inszenieren. „Ich habe erstmals das Orangenblüten Absolue mit einem Trio aus Zitrusfrüchten kombiniert: Italienische Zitrone, Mandarine und Bergamotte. Die außergewöhnliche Qualität des exquisiten Bergamotte-Öls, exklusiv von Givaudan, ermöglichte es mir, facettenreiche, außergewöhnlich florale, köstliche und aromatische Akzente herauszuarbeiten.“ In Bischs Kreation steckt eine biografische Note – zelebriert die Collection doch die Natur und Gartenkunst. Der Parfümeur nennt die Zusammenarbeit mit Couturier Marc-Antoine Barrois (On.Brand Distribution) als beispielhaft. Für und mit ihm hat er den Klassiker B683 kreiert. „Marc-Antoine möchte, dass wir uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um die schönsten Parfums zu gestalten. Es ist etwas Seltenes und Fantastisches, sich zu erlauben, langsam zu werden und den Düften uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken.“ Das Verständnis füreinander ist ein besonderes. „Marc-Antoine und ich haben den gleichen Duftgeschmack. Es war eine außergewöhnliche Begegnung, die mir absolute Freiheit und großes Vertrauen gegeben hat.“ Der Erstling B683 ist für ihn wahre Eleganz, Raffinesse und schickes Leder. So war Ganymede eine große Herausforderung: so gut zu sein wie B683! „Marc-Antoine erzählte mir von diesem Jupiter-Mond, sowohl leuchtend als auch mit Salzwasser-
ozeanen bedeckt. Es funkte sofort und die Idee war da: ein mineralischer Duft mit Helichrysum, der ewigen Blüte.“ Seine Arbeit wird international geachtet: 2020 ernannte ihn die Fragrance Foundation Russia zum „Perfumer of the Year“. Er wurde mit seinen Werken mehrfach international für FiFi-Awards nominiert und stand bei den Art and Olfaction Awards oben auf der Liste.

Lieblings-Materialien
„Ich liebe Leder, Hölzer und Gewürze. Sie zeigen Sinnlichkeit und erzeugen starke Gefühle. Ich finde die Idee, dass ein Parfum jemanden umwerfen kann, faszinierend. Was für eine Freude, lebendige Emotionen zu erzeugen!“ Seine Handschrift: „Ich mag Parfums, die eine Spur, einen Abdruck im Gedächtnis der Menschen hinterlassen!“ Quentin Bisch hat unterschiedliche Quellen der Motivation: „Die Natur inspiriert mich immer. In der Natur fühle ich mich wohl und sicher.“ Nicht verwunderlich, dass er auch im Urlaub kreativ ist. „Die Welt hat so viel zu bieten! Zu reisen bedeutet, Ideen aufzunehmen. Kaum zu glauben, aber meine Arbeitspausen sind meine stärksten Anregungs- und Inspirationsquellen.“ Bei seinen Hobbies kann Bisch gleichwohl entspannen: „Ich komponiere, singe und male gern. Für mich sind das weitere Möglichkeiten, mich auszudrücken und Emotionen und Energien zu teilen.“


Der Beitrag ist erschienen in Ausgabe 6/2021 der INSIDE beauty

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de

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