Naomi Krauss ist dem TV-Publikum aus zahlreichen Auftritten bei „Tatort“, „In aller Freundschaft“, „WaPo Bodensee“ sowie dem „Polizeiruf 110“ bekannt. International war sie in der Netflix-Komödie „Faraway“ erfolgreich. 2025 spielte Naomi Krauss in „Tod in der Bucht – Ein Kreta-Krimi“ der ARD die griechische Polizeimajorin Eleni Theodoraki. Geboren wurde die schweizerisch-israelische Schauspielerin 1967 in Basel, seit 1989 lebt und arbeitet sie vorwiegend in ihrer Wahlheimat Berlin. Sie hat eine erwachsene Tochter.

Warum Zufall manchmal ein großes Glück ist

Frau Krauss, was gab den Ausschlag für Ihre Entscheidung Schauspielerin zu werden?
Der Zufall! Bei uns zuhause spielte Musik eine große Rolle. Für mich war also klar: ich werde Cellistin. Doch leider hat sich dieser Traum nicht erfüllt, denn ich bekam eine chronische Sehnenscheidenentzündung, die damals noch nicht gut behandelbar war. Zufällig traf ich meine Englischlehrerin, die sich erinnerte, dass ich im Schülertheater doch so gut gewesen war. Sie riet mir, mich an der Schauspielakademie in Zürich zu bewerben. Und das habe ich dann gemacht. Mich mit 500 anderen zur Aufnahmeprüfung angemeldet. Zwölf haben sie geschafft, und ich war dabei. Drei Jahre habe ich dann Schauspiel studiert und damit meine Leidenschaft fürs Theater entfacht.

Nach Ihrer Schauspielausbildung sind Sie nach Berlin gegangen. Warum?
Schon wieder spielte der Zufall mit. Kurz vor meiner Abschlussprüfung erfuhr ich, dass der Theaterregisseur Peter Stein an der Berliner Schaubühne die Figur der Anja in Anton Tschechows „Kirschgarten“ neu besetzen musste. Gesucht wurde eine große Blonde. Das Gegenteil von mir – ich bin klein und dunkelhaarig. Trotzdem wurde ich zum Vorsprechen eingeladen Als dann die Zusage kam, da wusste ich: Jetzt gehe ich diesen Weg mit voller Konsequenz. Premiere war im Juni 1989, also in einer sehr aufregenden Zeit, nur Monate vor dem Mauerfall. Nach Zwischenstationen in Darmstadt und Hamburg landete ich schließlich wieder in Berlin, wo ich an fast allen großen Bühnen spielte – außer am Maxim Gorki Theater. Tja, und meine Fernsehkarriere startete erst im Jahr 1999 mit dem Film „Lieb mich!“, in dem ich eine Lehrerin spiele, die sich in die Mutter eines Schülers verliebt.

Viele Ihrer Frauenfiguren, etwa Eleni im Kreta-Krimi oder Zeynep in Faraway, stehen vor einem Neuanfang. Was reizt Sie daran?
Ich finde es extrem spannend, einen Energiewandel darzustellen und eine Verwandlung zu erleben. Man kann einer solchen Rolle als Schauspielerin sehr viele Facetten geben, die Verletzungen, Wünsche, Häutungen zeigen. Man kann auf seine eigenen Erfahrungen und Veränderungen zurückgreifen, die man halt in so einem Leben macht. Und all das stärkt uns, meistens jedenfalls, und lässt uns mit neuem Bewusstsein und Offenheit einen Neustart wagen. Wie Zeynep in „Faraway“. So wie sie die einengende Shapewear abstreift, sagt sie ihrem bisherigen Leben adieu und erlebt Freiheit, Liebe und Glück neu. Veränderung, etwas loszulassen, ist immer auch schwer. Ich weiß das, denn ich stehe gerade selbst vor einem Neuanfang, nachdem vor einigen Monaten mein Lebenspartner verstorben ist.

Tod in der Bucht In der ARD-Produktion von 2025 spielt Naomi Krauss die internatio-nal erfolgreiche Ermittlerin Eleni Theodoraki, die als neue Chefin des Morddezernats Rethymnon in ihre Heimat Kreta zurückkehrt. Doch die Rückkehr ist für sie keine Heimkehr – sie fühlt sich überall als Fremde.
Faraway International bekannt wurde Naomi Krauss als Zeynep in der Netflix-Komödie „Faraway“ (Foto: Netflix/Nikola Predovic)

Haben Sie das Gefühl, jetzt mit 58 Jahren, im TV sichtbarer und präsenter zu sein als früher?
Ja, auf jeden Fall. Aber es dürfte noch immer mehr sein (lacht). Dank der Netflix-Produktion „Faraway“ von 2023 wurde ich auch international bekannter und bekomme mittlerweile mehr Rollenangebote. Erfreulich finde ich, dass das Thema Alter, Aussehen und Figur nicht mehr das alles Entscheidende für eine Rolle ist. Auch beim Casting für „Faraway“ hatte ich wieder unwahrscheinliches Glück. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich etwas molliger, und genauso hatte sich Regisseurin Vanessa Jopp die Figur der Zeynep vorgestellt. Glück gehabt! Wieder ein Zufall!

Sind älter werden, der allgemeine Schönheitswahn und der Drang zur Selbstoptimierung ein Thema für Sie?
Eigentlich nicht. Ich achte selbstverständlich auf mein Aussehen und versuche mich mit Spazieren gehen, Tanzen und Krafttraining fit zu halten. Meine Mutter sagte mal zu mir: „Ich will sehen, wie die Natur mich altern lässt.“ Das finde ich schön. Eine Lidstraffung etwa würde ich nur aus medizinischen Gründen durchführen lassen. Schlussendlich bleibt es jedem selbst überlassen, wie er oder sie mit dem Altern umgeht. Manchmal ist es auf jeden Fall anstrengend!

In Basel geboren, dort und in Israel aufgewachsen, seit vielen Jahren in Berlin – wo ist Heimat für Sie?
Das kann ich gar nicht so an einem Ort festmachen. Ich fühle mich überall dort wohl, wo meine Liebsten sind. Berlin ist mein Lebensmittelpunkt und nach so vielen Jahren in dieser Stadt bin ich ja fast schon Berlinerin. Außerdem ist meine Tochter hier zuhause. In Basel lebt meine Mutter, meine große jüdische Familie ist in ganz Israel verteilt.

Was erdet, was entspannt Sie?
Beides, wenn ich mit meiner Mutter telefoniere und dann Schwyzerdütsch und Hebräisch sprechen kann. Ich gehe ausgiebig spazieren und meditiere, das entspannt und klärt die Gedanken. Und: beim Serien schauen, außer Horrorfilmen, komme ich auch gut runter.

Welches Talent wünschten Sie sich?
Oh, ich würde so gerne singen können wie Rihanna!

Und zu guter Letzt, die entscheidende Frage aus „Faraway“: Was bedeutet Glück für Sie?
Das ist für mich einfach zu beantworten: zu lieben und geliebt zu werden!


Kurz & Knackig

Naomi Krauss in drei Worten … empathisch, neugierig, lustig
Yoga oder Joggen … Keins von beiden: Spazieren gehen und tanzen
Meine kleine Extravaganz … Torte, am liebsten Schwarzwälder Kirschtorte – ohne Alkohol!
Mein nächstes Reiseziel … Hauptsache ans Meer
Der Welt wünsche ich … Frieden und Liebe,Toleranz und Respekt


Aufmacherbild: Frank Altmann

In jeder Ausgabe von SPA inside stellen wir inspirierende Power-Frauen vor.