Dirigent Ottensamer über Fokus und innere Ruhe
Andreas Ottensamer zählt zu den spannendsten Musikerpersönlichkeiten seiner Generation. 1989 in Wien geboren und aus einer österreichisch-ungarischen Musikerfamilie stammend, begann er früh mit Musik. Er machte sich zunächst als international gefeierter Klarinettist einen Namen – unter anderem als Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker. Heute steht der 36-Jährige vorrangig am Dirigentenpult.
In der Saison 2025/26 debütiert er mit renommierten Orchestern in Europa und Asien und widmet sich auch der Oper. Als künstlerischer Leiter prägt er zudem seit 2013 das Bürgenstock-Festival in der Schweiz.
Herr Ottensamer, Sie sind Dirigent, Klarinettist und künstlerischer Leiter von aktuell zwei Festivals. Woran hängt Ihr Herz besonders?
Eigentlich an allem – und genau das macht es für mich so stimmig. Diese Rollen lassen sich nicht voneinander trennen, sie befruchten sich eher gegenseitig. Als Dirigent vor einem großen Orchester zu stehen, ist unglaublich erfüllend: Man arbeitet mit vielen Menschen gleichzeitig, bekommt dadurch enorme Energie und Inspiration. Zudem ist es eine eher indirekte Art des Musizierens.
In der Kammermusik oder als Solist bin ich unmittelbar Teil des Klangs. Auch die Arbeit als künstlerischer Leiter gehört für mich selbstverständlich dazu – zu verstehen, was Künstler brauchen, musikalisch wie menschlich, auf und abseits der Bühne. Ich kann und möchte mich nicht entscheiden, weil jede Facette die andere vertieft.
Sie kommen aus einer österreichisch-ungarischen Musikerfamilie. War die Musiklaufbahn vorgezeichnet?
Musik spielte immer ein Rolle, noch bevor ich mir bewusst war, was sie für mich einmal bedeuten würde. Trotzdem habe ich mich lange nicht festgelegt. Ich finde es wichtig, dass Musik früh im Leben eines Kindes präsent ist – aber ohne den Zwang, daraus sofort einen Beruf zu machen. Für mich war Sport enorm wichtig, vor allem Tennis. Bis etwa 16 war es realistischer, Profisportler zu werden als Musiker. Ich habe parallel studiert, Interessen verfolgt und mir bewusst viele Türen offen gehalten. Die endgültige Entscheidung kam erst, als ich in die
Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker aufgenommen wurde – da wusste ich: Jetzt gehe ich diesen Weg mit voller Konsequenz.
Ihre Konzerte finden auch an besonderen Orten statt, etwa auf dem Bürgenstock in der Schweiz. Bleibt da Zeit, die Umgebung zu genießen?
Unbedingt. Ich bin ein großer Verfechter davon, Reisen nicht nur funktional zu erleben. Unser Alltag besteht aus Hotels, Flughäfen und Proben – umso wichtiger ist es, Orte wirklich wahrzunehmen. Der Bürgenstock ist ein außergewöhnlicher Kraftort: Berge, See, Weite, Licht. Diese Atmosphäre prägt das dortige Festival bewusst mit. Gemeinsame Essen, Gespräche, Zeit miteinander – das schafft eine Nähe zwischen Künstlern und Publikum, die in klassischen Konzertsälen selten möglich ist. Nach einem Konzert noch zusammenzusitzen, vielleicht bei einem Glas Wein, Blick in die Landschaft – das gehört für mich unbedingt zur künstlerischen Erfahrung dazu.
Dauerpräsenz auf der Bühne erfordert mentale und körperliche Fitness. Was tun Sie dafür?
Sport ist für mich essenziell: Tennis, Wassersport, Skifahren … Das ist kein Pflichtprogramm, sondern etwas, das mir Freude macht. Körperliche Fitness schafft mentale Klarheit. Aus dem Leistungssport habe ich viel mitgenommen – vor allem den Umgang mit Druck. Mentale Stärke bedeutet für mich, sich so gut vorzubereiten, dass man loslassen kann. Nicht verkrampfen, sondern Vertrauen entwickeln.
Wie bereiten Sie sich konkret auf ein Konzert vor?
Die langfristige Vorbereitung ist sehr detailliert: Partiturstudium, historische Zusammenhänge, Briefe, Zeitgeschichte und die Situation des Komponisten. Das ist fast schon Forschungsarbeit. Kurz vor dem Konzert habe ich kein festes Ritual. Ich höre auf meinen Körper und meine Energie. Je nach Ort und Stimmung passe ich mich an. Diese Flexibilität gibt mir Ruhe – und bislang hat sie sich bewährt.
Sie hätten ein Jahr frei – was würden Sie gern tun?
Ich habe mir vor einigen Jahren bewusst Zeit genommen. Hatte weniger Termine, längere Aufenthalte und Konzerte mit echten Reisen verbunden. Es tut gut, nicht ständig getaktet zu sein, Eindrücke zu sammeln, Kulturen zu erleben, auch mal zu bleiben, wenn es sich richtig anfühlt. Und wenn ich wirklich ein Jahr frei hätte, würde ich ganz banal: zu Hause sein. Das ist im Musikerleben ein ungeahnter Luxus.
Haben Sie ein Lebensmotto?
Hm, nein ich habe kein klassisches Motto. Eher der fortwährende Versuch, im Moment zu leben. Die Gegenwart wirklich wahrzunehmen, statt gedanklich immer schon beim Nächsten zu sein. Das ist viel weniger ein Spruch als eine Haltung, die mir mit den Jahren immer wichtiger wird.

Mit Weitblick
An zwei Juni-Wochenenden lädt Andreas Ottensamer als künstlerischer Leiter zu einer kuratierten Konzertreihe hoch über dem Vierwaldstättersee. Das internationale Musikfestival findet im Bürgenstock Resort statt und verbindet klassische Spitzenmusik mit Architektur, Natur und Weitblick. www.buergenstock-festival.ch
Kurz & Knackig
Meine Lieblingsmetropole ist …
Istanbul.
Aktuell höre ich am liebsten
… Mozarts Requiem.
Geht gar nicht – ein Tag ohne
… Kaffee.
Ich möchte unbedingt noch …
einmal aus dem Flugzeug springen.
Mein Lieblingsreiseland …
ist immer das nächste Land,
in das ich reisen werde.

(Aufmacherbild: Halina Jasinka)
In jeder Ausgabe von SPA inside stellen wir inspirierende Personen vor.







