Sympathieträger aus Grasse
Mathieu Nardin gehört zum jungen, kreativen Nachwuchs der internationalen Parfumszene. Er ist ein wahrer Crossover-Künstler, zählen doch Arbeiten für Jennifer Lopez, Marc Jacobs und Baldessarini sowie für Nischenlabels wie Etro, Atkinsons und Goutal zu seinem Portfolio. Schon jetzt existiert ein beachtliches Bouquet an sehr unterschiedlichen Düften, die alle bezaubern.
Das Faible für Düfte hat er quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Die ganze Familie von Mathieu Nardin, Jahrgang 1986, arbeitet im Metier: Die Großeltern starteten in Grasse mit dem Anbau von Duftpflanzen wie Rose, Jasmin und Verbena. Mittlerweile führt Nardins Mutter den Betrieb fort. Mehrere Verwandte sind Parfümeure. „Meine Kindheitserinnerungen in Grasse sind mit Rohstoffen verbunden, die meine Familie anbaute. Lebhaft erinnere ich mich an die Jasmin-Ernte und den Duft der Blüten auf dem Feld. Geerntet in Weidenkörben verströmten sie ihren Duft im Auto auf dem Weg zur Verarbeitung.“ Auch die Rosenernte ist ihm in bester Erinnerung: „Als meine Großmutter meinen Zwillingsbruder und mich nach der Schule abholte, erfüllte ein ledrig-erdiger Rosenakkord den Wagen. Die geernteten Blüten und der Geruch von Leinensäcken machten das Erlebnis unvergesslich.“ Die Großmutter erinnert Nardin auch olfaktorisch: „Sie roch nach Leder, Iris-Lippenstift und Haarspray. Mit ihr verbinde ich den Duft von Orangenblüten. Wenn wir Kinder nicht einschlafen konnten, half sie mit einem Glas Wasser und darin gelöstem Zucker und Orangenblütenwasser. Süß und wirksam!“ Der schlanke Mittdreißiger tritt dynamisch auf. Im Austausch ist er bedacht und feinsinnig, nutzt oft Bilder, um Wichtiges zu verdeutlichen. Zugleich sind seine Aussagen klar und direkt – mit überlegter Wortwahl. So baut er schnell Vertrauen auf. Von allen Seiten wird Mathieu Nardin als Sympathieträger geschätzt. Nach dem französischen Abitur studiert er Chemie an der Universität Nizza, wechselt dann zielstrebig zur ISIPCA, der Parfümeursschule in Versailles. Seine Motivation: „Durch die theoretischen Chemiekurse konnte ich die Reaktionen von Molekülen verstehen, mir eine Fachsprache aneignen. Das hilft mir heute. Denn nicht die Formeln, sondern Emotionen stehen im Mittelpunkt.“ In Versailles ist er in seinem Element, der allgemeine Drive begeistert ihn: „Das Lernen und Entdecken von Formulierungen machte mir Spaß. Die Atmosphäre war sehr positiv, alle einte dieselbe Leidenschaft.“ Den Kurs von Meisterparfümeurin Isabelle Doyen hebt er hervor: „Wir entdeckten und besprachen an zwei Vormittagen je Woche gemeinsam einen Rohstoff, was sehr inspirierend war.“ Im Pflichtpraktikum 2007 nimmt er Kontakt zum Dufthersteller Robertet in Grasse auf. Seine Patentante Michele Saramito, Parfümeurin dort, begleitet ihn. Er hält Kontakt zu Robertet und wird, nach Abschluss in Versailles zwei Jahre später Junior-Parfümeur – mit 23! Firmeninterne Chancen nutzt er: 2013 geht er nach New York. Land und Kultur gefallen ihm. „Die Entstehungszeit ist kurz, es herrscht ein anderer Rhythmus: Die Formeln sind farbenfroh, am Vergnügen orientiert.“ Nardin bleibt Frankreich verbunden – und wechselt 2018 zum Dufthaus Mane. Weitere Jahre mit zahlreichen Erfolgen für globale Marken wie Newcomer folgen.
Kreative Freiheit
Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus? „Mit frischer Nase inspiziere ich morgens meine Kreationen des Vortages, rieche also Basisnoten auf den Duftstreifen und nehme zudem wahr, wie sich Düfte über Nacht im Flakon entwickelt haben“, so der Parfümeur. Tagsüber arbeitet er an laufenden Projekten und neuen Formeln. „Abends forsche ich projektunabhängig – kreiere spielerisch einen Akkord, was erholend wirkt. So diszipliniere ich meine kreative Zeit, denn schnell können dringliche Projekte unterbrechen. Kreativer Freiraum ist mir wichtig.“ Man kann die kreative Handschrift von Mathieu Nardin als minimalistisch und innovativ beschreiben. Er sagt: „Ein gemeinsamer Nenner meiner Parfums ist, dass ich bevorzugt kurze Formeln nutze, um große Wirkung zu erzielen. Durch Erfahrung erwirbt man eine Form des Schreibens, doch neue Materialien bringen Automatismen durcheinander. Ich habe Lieblingsstoffe. Aber die Palette bei Mane ist groß. Ich kann so meinen Stil erneuern, entdecke ungeahnte Wege.“
Die Nase nennt Lieblingsstoffe wie Labdanum, einen kraftvollen, warmen Stoff mit geheimnisvollen Facetten sowie Weihrauch, je nach Kombination kalt oder warm einsetzbar.
„Bei Mane habe ich mit Vayanol, einem vanilligen, würzigen Stoff, der an Nelken und leicht rauchiges Popcorn erinnert, sowie Jasmin Grandiflorum in E-Pure Jungle Essence-Qualität (exklusive Mane-Technologie mit State of the Art Enfleurage-Verfahren, Anm.d.Red.) gearbeitet. Das war sehr gewinnbringend, da etwa im zweiten Fall die Qualität der Blume auf dem Feld sehr nahe kommt.“

Mathieu Nardin die Königin der Blüten mit einer sinnlich-opulenten Komposition interpretiert.
Marathonläufe und Seiltänze
Der Kreateur ist überaus umtriebig – in Projekten für etablierte Marken wie für Nischenbrands. Die Projektvielfalt reizt ihn, denn es existieren deutliche Unterschiede sowohl bei den Entwicklungszeiten, als auch beim technischen Aufwand und den Möglichkeiten des Austauschs mit den Markenentwicklern. Doch Nardin ist flexibel: „Ich passe mich der Marke an, schätze ein abwechslungsreiches Panorama: mal ein globales Projekt mit orchestrierter Entwicklung, mal ein Carte-blanche-Projekt eines Nischenherstellers. Ich muss Marathonläufer wie Seiltänzer sein.“
Nardin hat für Marken schon mehrfach gearbeitet, hebt etwa Kilian und Miller Harris hervor: „Bei diesen Marken ist es sehr angenehm, dass meine Arbeit der eines Handwerkers ähnelt: Ich beginne meine Sitzungen mit der Präsentation von Rohmaterialien, um Reaktionen wahrzunehmen. Es ist interessant zu sehen, wie Gesprächspartner dieser Marken die für sie neuen Stoffe beschreiben – wir finden eine Art verbale und olfaktorische Übereinkunft, um dann gemeinsam neue Wege zu gehen. Wir formen, facettieren das Rohmaterial für spannende Kombinationen.“ Den deutschen Markt kennt Nardin aus der Arbeit für Baldessarini, Acqua Colonia und Atelier Oblique. Er kommentiert: „In Deutschland geschätzte Parfums stimmen froh und heiter, nicht unähnlich dem Stil in Nordamerika. Das Faible verbindet Frische und cremige Behaglichkeit: ein sehr tragbarer Kontrast.“
Auch Mußezeiten sind ihm wichtig. So treibt er regelmäßig morgens Sport und liest am Abend, gern zwei Romane parallel, einen modernen und einen Klassiker. Er ist neugierig und entdeckungsfreudig. „Bei meinen Reisen wechsle ich zwischen Kultur und Natur, exotischen Ländern oder heimatnahen Gefilden. Ich besuche Ausstellungen und Shows und eröffne mir so neue Perspektiven.“ Bei den wichtigen Ernten in Grasse ist er immer vor Ort: zur Olivenernte im November, zur Rosenernte im Mai. „Seit ich nicht mehr in der Gegend wohne, kehre ich jedes Jahr zur Ernte der Rose Centifolia zurück – das sind magische Momente.“
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 1/2023

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
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