Frech lacht eine ausgestreckte, knallrote Zunge die Kunden an – mitten im noblen Stadtpalast. Ach was, es sind mindestens 20 Zungen gleichzeitig, die da hinter der gläsernen Theke des Süßwarengeschäfts liegen. „Satisfaction“ heißen die Pralinen, wie das Album der „Rolling Stones“. Die Zunge war einst das Logo der Band. Wer mag, kann sie im feinen Koninklijk Paleis op de Meir – direkt an der Antwerpener Einkaufsmeile – selbst in den Mund nehmen. So wie dutzende andere schokoladige Naschereien, die hier in der Zuckerküche von The Chocolate Line (www.thechocolateline.be) im Takt entstehen. „Green Tokyo“ (mit scharfem Wasabi) bestellt eine Kundin ganz verzückt. Zweimal „Miss Piggy“ noch dazu – Schokolade mit Mandeln und Schinken und einem gezeichneten Schweinchen obendrauf.

Die süßeste aller Städte

Ein Besuch in Antwerpen ohne süße Verführung wäre ein Frevel. Nicht nur entlang der Einkaufsstraßen, die sich vom Hauptbahnhof bis zum großen Markt vorm Rathaus und weiter Richtung Schelde-Ufer ziehen, reiht sich in Geschäft an das andere. Belgiens zweitgrößte Stadt (nach Brüssel) ist ein Paradies für Genießer. Probieren Sie unbedingt eine Antwerpener Hand – sie sieht tatsächlich aus, wie sie heißt. Ob in Keksform oder aus Schokolade: Die Entstehungsgeschichte ist eigentlich eher gruselig. Ein Riese soll einst hohen Zoll für Schiffe, die entlang der Schelde fuhren, gefordert haben. Wer nicht zahlen wollte, dem wurde die Hand abgehackt. Nun ja …

Apropos Schelde: Dem Fluss, der aus Frankreich kommt und später in die Nordsee mündet, verdankt Antwerpen seinen Reichtum. Denn übers Meer bis in den Hafen der Stadt bringen Schiffe seit vielen Jahrhunderten Waren aus aller Welt. Zum Beispiel Rohdiamanten – die das Leben in der Stadt bestimmen. Direkt hinter dem Bahnhof – einem pompösen Prachtbau – beginnt das Diamantenviertel. Dort wird geschlifffen und gehandelt, gibt es Schmuckläden ebenso wie Handelsbörsen. Wer Glanz und Glamour sucht, wird von den schmalen Straßen enttäuscht sein. Rijpstraat, Hoveniersstraat und Schupstraat werden von Wachschutz und Polizei dominiert. Dazwischen laufen Händler – und es lässt sich nur erahnen, welche Werte hier geschaffen werden. 45 Milliarden Euro Umsatz, nur durch Edelsteine, sind es im Jahr. Ein lukratives Geschäft.

Boomende Stadt

Von diesen Einnahmen profitiert Antwerpen seit jeher. Gut für die Bewohner der Stadt – und für die Gäste. Denn so wurde investiert, was sich an vielen Orten im Stadtbild zeigt. Der Grote Markt mit dem Rathaus und dem Brabo-Brunnen von 1887 sind nur ein Beispiel. Maler wie Paul Rubens (unbedingt anschauen: das Museum Rubenshaus samt Garten, www.rubenshuis.be) und Anthonis van Dyck schufen Kunstschätze von bleibendem Wert. Quer über die Stadt entstanden Museen, die erstklassig aufbereitet sind. Der Eintritt in viele Häuser ist mit der Antwerpen-City-Karte (www.visitantwerpen.be/de/antwerp-city-card) ebenso gratis wie die Fahrt mit Bus und Straßenbahn. Verpassen Sie auf keinen Fall das MAS – ein würfelartiger Turm aus Sandstein und gewölbtem Glas. Das Museum am Strom im alten Hafen ist über Rolltreppen bis hoch aufs Dach zu erkunden. Jede Etage widmet sich einer eigenen Ausstellung. Der Clou: Auch am Abend dürfen Gäste ins Gebäude, noch dazu kostenlos. Antwerpens Aussichtsterrasse Nummer 1 bietet besten Blick auf die Altstadt und die Schelde, wo regelmäßig Luxuskreuzfahrtschiffe anlegen.

Von Belgien nach Amerika

Apropos Hafen: Aus ganz Europa kamen einst Auswanderer in die Stadt, fuhren bis Ende der 1930er Jahre von Antwerpen mit Schiffen nach Übersee. Das Leben von hunderttausenden Menschen und deren letzte Station in der alten Heimat ist eindrücklich im Red Star Line Museum nachzuerleben (www.redstarline.be) – und aktueller denn je. Heute ist der Hafen vor allem bei jungen Leuten angesagt: dank Kneipen und Restaurants und dem futuristischen Zollgebäude. Ein Hotspot für Selfies, vor allem am Abend – dann funkelt und leuchtet es dort wie die Edelsteine.

Unsere Hotel-Tipps für Antwerpen:

Das komplette Special über Antwerpen inklusive Vorstellung der Hotels und Reisetipps wurde in SPA inside 2/2020 veröffentlicht – die auch als E-Paper erhältlich ist!