Meister der Düfte: Calice Becker

Mit viel Einfühlungsvermögen

Calice Becker zählt zu den erfolgreichsten Parfümeurinnen unserer Zeit. Sie kreiert als Master Perfumer, steht als Direktorin der Parfümeursschule von Givaudan vor und ist Präsidentin der internationalen Parfümeurvereinigung SIP.

Calissa Borisovna Asancheyeva, wie Calice Becker mit Mädchenname heißt, ist in Paris aufgewachsen und erfährt dort eine Melange französischer wie russischer Prägung. Deutlichen Einfluss auf den späteren Lebensweg hat ihre Mutter. Die Künstlerin malt und arbeitet als Bildhauerin. Früh nimmt sie die Tochter in Galerien mit, sie sprechen über Eindrücke und Erlebnisse. Kunst und Kultur lernt das Mädchen in jungen Jahren schätzen. Sie entwickelt einen Sinn für Feinheit, Sensitivität und Wahrnehmung. „Eine meiner größten Empfindsamkeiten ist das Wohlergehen des Gesprächspartners“, bemerkt die Französin gleich am Anfang unseres Gesprächs bei Givaudan in der Avenue Kléber. „Wenn es meinem Gegenüber nicht gut geht, wird das zu meinem Problem.“ In der Tat macht sich ein hoher Grad an Sensibilität bemerkbar: Calice Becker ist äußerst aufmerksam, mitfühlend und geistreich. Mit wohltemperierter Stimme spricht sie ihre Gedanken nuanciert aus und kommt ohne Umschweife auf den Punkt.

Wo das Lernen begann
Schon mit vier Jahren fragt Calice ihre Mutter, wie eine Blume in ein Eau de Cologne kommt. Diese nimmt das Interesse der Tochter an Düften wahr und unterstützt sie, als eine Ausbildung in dem Metier greifbar wird. Becker startet 1985 bei Roure (heute Givaudan) in Grasse. Kurios: „Ich trug kaum Düfte, sammelte keine Parfums und war überhaupt nicht eingestimmt auf die Welt der Parfümerie.“ Doch auf der Schule sieht sie sich in einer neuen Welt. Die gründliche Ausbildung ist vielfältig. Calice Becker erläutert: „Man lernt die Basics: wie man seine Nase schult, wie man die Nase nicht überfordert, wie man Geist und Gespür für Neues öffnet.“
Der Alltag von Parfümeuren ist abwechslungsreich und fordernd. Eine Vielzahl von Projekten unterschiedlichster Art stehen auf dem Tagesplan, viele Duftentwürfe auf dem Tisch.
Ein konkreter Fall: eine Duftkreation für Kilian. Für und mit Kilian Hennessey, dem Erben der traditionsreichen französischen Cognac-Dynastie mit Querverbindungen zu LVMH, hat Calice Becker einige Düfte des reichen Portfolios geschaffen. Becker und Hennessy lernen sich in New York kennen, als dieser für Puig tätig ist. Beide sind auf einer Linie, mögen und schätzen sich. 2007 begründet Hennessey seine eigene Marke by Kilian, seitdem kreiert Becker in loser Folge für ihn. Wie läuft der kreative Prozess ab? „Meist kommt er auf mich zu mit seinen Ideen, in diesem Fall ist er meine Muse. Als er von Ägypten erzählt und dass er am Ufer des Nils einen türkischen Kaffee mit Kardamom roch, für den er fast gestorben wäre, wusste ich, was er meinte.“ Zufällig kam auch sie damals aus Ägypten zurück. „Ich stellte mir die Szenerie und das Licht des Nils vor. Spektakulär, wunderschön, sehr sanft und glänzend. Als ich ihm ein paar Duftentwürfe zeigte, war es genau das, was er sich vorstellte.“
Calice Becker schätzt die Arbeit an diversen Projekten: „Es ist eine gute Übung, ein Auge auf die Komplexitäten zu werfen, was wir tun und wie sich der Markt darstellt.“ So hat sie früh für Joop! What about Adam (1992) geschaffen. Der deutsche Markt – sie selbst lebte eine Zeit lang in Freiburg im Breisgau – liegt ihr am Herzen.

Der Alltag von Parfümeuren ist abwechslungsreich und fordernd. Eine Vielzahl von Projekten steht auf dem Plan. Calice Becker hat sowohl für Narciso Rodriguez als auch für Marc Jacobs Düfte kreiert. Zu den Arbeiten von Calice Becker zählen sehr erfolgreiche Düfte, wie J‘adore von Dior, ebenso wie verschiedene Kompositionen für by Kilian. Mit Kilian Hennessy verbindet sie eine Freundschaft. „Wir mögen und schätzen uns.“

Antennen auf Empfang
Wo lässt sie sich inspirieren? „Du stellst deine Antennen auf Empfang. Und dann passiert es“, schmunzelt Calice Becker. „Kreative Leute starten einfach irgendwo und machen weiter.“ Natürlich kommen zur originären Kreativität des Parfümeurs auch die Rahmenbedingungen des Arbeitgebers hinzu. „Der Vorteil bei Givaudan zu arbeiten ist, dass wir Zugriff auf alles haben: Forschung, Beschaffung, Herstellung, Sicherheit, Expertise, Applikationen – man ist immer nur ein Telefonat von einer Lösung entfernt“, beschreibt sie den größten Player am Markt. Becker: „Ich hatte nach meinem anfänglichen Training nie den Eindruck, wirklich zu arbeiten. Auf einmal verdiente ich Geld mit etwas, das mir großen Spaß machte.“
Seit 72 Jahren unterhält Givaudan eine Parfümeursschule. Die Methode, wie Auszubildende trainiert werden, hat sich in den letzten 30 Jahren kaum gewandelt. Doch Becker, seit 2017 Direktorin der Institution, bringt neuen Elan mit: „Das Grundlagentraining ist wie gehabt notwendig. Doch es gibt Dinge, die sich verändert haben: Die Studenten sind, wenn sie mit der Ausbildung starten, viel fortgeschrittener als früher. Sie sehen sich viel häufiger technischen Herausforderungen gegenüber und sie müssen viel schneller sein.“
Calice Becker berücksichtigt diese Entwicklung, entwickelt neue Wege, den Nachwuchs fit zu machen. Hier kommen ihre analytischen, organisatorischen Qualitäten zum Vorschein – sie lädt externe Referenten ein, schafft ein vielfältiges Programm. Die Veränderungen sind technischer wie kultureller Art. „Mein Training sah nicht vor, etwas über Preisstabilität oder Kreativitätstechniken zu lernen. Wir sehen viel mehr die Zusammenhänge zwischen Geschichte und Geographie.“ Kulturelle Codes werden immer wichtiger, kommt der Nachwuchs doch mittlerweile aus der ganzen Welt. Darin liegen Chancen. Das Training findet in Frankreich und, seit 2015, auch in Singapur statt. „Die Nachwuchstalente sprechen mindestens drei Sprachen: Französisch, Englisch und Parfümerie“, so die Meister-Parfümeurin. Künftig wird das Thema Umwelt eine entscheidende Rolle spielen. „Es gibt ein Programm bei Givaudan, das sich
‚A sense of tomorrow’ nennt. Es geht darum, wie unser Business nachhaltig wird, wo Rohstoffe herkommen. Wie können wir auf unseren Planeten besser achten, wenn wir Düfte und Aromen herstellen?“ Mittlerweile wird Nachhaltigkeit und Verantwortung auch an der Parfümeursschule unterrichtet.
„Die Studierenden lernen es, wenn sie einen Akkord mit einem Tropfen Rose darin kreieren: In diesem Tropfen ist der Inhalt von vielleicht 50 Pflanzen, die von jemandem geerntet wurden, bei Sonnenuntergang, in der Türkei oder Bulgarien. Es ist ein Rohstoff, den man nicht vergeudet, sondern in seiner ganzen Wertschöpfungskette respektiert.“ Natürlich gehören dazu auch die Arbeitsbedingungen des Anbaus, die Verarbeitung und Aspekte wie Wasser- und Energieverbrauch. Gut zu wissen, dass ganzheitliche Erkenntnisse und ein Bewusstsein der Besonderheiten von Rohstoffen im Mittelpunkt von Nachwuchsausbildung und Unternehmensentwicklung stehen.


Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 5/2019

Calice Becker empfing Dr. Bodo Kubartz an ihrem Arbeitsplatz bei Givaudan in der Pariser Avenue Kléber

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de

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