Wenn Bilder zu Düften werden

David Chieze gehört zu einer neuen Generation von Parfümeuren, deren Arbeit eng mit der unabhängigen Nischenparfümerie verbunden ist. Beim Schweizer Dufthaus Luzi verbindet er Präzision mit einer intuitiven Vorstellung von Duft.

Eine erste intensive Geruchserfahrung macht David Chieze in Südfrankreich. Er ist drei oder vier Jahre alt, als er mit seinen Eltern wandern geht. Die Familie lebt im Norden Frankreichs, seine olfaktorische Welt ist bis dahin geprägt von frisch gemähtem Gras, Wald und Thuja, einem immergrünen Lebensbaum mit grünem, würzig-harzigen Geruch. Im Süden begegnen ihm Rosmarin und Thymian. Er fragt seine Mutter, was er riecht. Die kleine, eher unspektakuläre Szene bleibt ihm im Gedächtnis. Vielleicht gerade deshalb, weil er Geruch früh mit Landschaft, Natur und Entdeckung verbindet.

Vom Chemiker zum Parfümeur
Als Chieze mit etwa 17 Jahren entdeckt, dass Parfümeur ein Beruf ist, ist sein Weg klar. Zunächst vermittelt ihm ein Chemiestudium ein solides Verständnis für die Grundlagen des Duftes – und vor allem jene Eigenschaften, die er selbst als „Präzision und Beharrlichkeit“ beschreibt. Der entscheidende Schritt in die eigentliche Parfümerie erfolgt bei L’Artisan Parfumeur. Dort beginnt Chieze im Verkauf und beschäftigt sich zunehmend intensiv mit Düften und Rohstoffen – und trifft schließlich auf Bertrand Duchaufour. Aus der Begegnung wird eine prägende Lehrzeit. Duchaufour vermittelt ihm nicht nur ein außergewöhnlich breites Wissen über Ingredienzen, sondern vor allem Leidenschaft und Hingabe an die Kreation. Eine zweite wichtige Schule wird Mark Buxton. Von ihm übernimmt Chieze vor allem die Kühnheit: kurze Formeln, klare Entscheidungen und keine Angst vor Überdosierungen.
Seit mehreren Jahren arbeitet Chieze bei Luzi, einem familiengeführten Schweizer Dufthaus mit nun 100jähriger Geschichte. Gerade die überschaubare Größe empfindet er als Vorteil. Wertschätzend erzählt er: „Es ist ein familiengeführtes Unternehmen und nicht zu groß, deshalb ist der Umgang sehr menschlich. Die Düfte stehen im Mittelpunkt – und wir Parfümeure haben dadurch viel Freiheit.“ Diese Freiheit ist für Chieze keine Einladung zur Beliebigkeit. Im Gegenteil: Eine neue Idee, eine bislang unbekannte Note oder ein Thema, das er noch nie bearbeitet hat, versteht er als Herausforderung. Seine Stärke liegt in der Konzentration auf eine Idee und in der Geduld, sie so lange zu verfolgen, bis sie olfaktorisch funktioniert. „Quiet precision“, eine ruhige, konzentrierte Präzision, beschreibt damit nicht nur seine Arbeitsweise, sondern auch etwas von seiner persönlichen Haltung

Texturen, Farben und Bilder
Parfümeure sprechen häufig über Noten: Bergamotte, Rose, Sandelholz. Für David Chieze können Rohstoffe rau oder glatt, weich oder kantig, dicht oder transparent sein. Er denkt in Texturen, Farben und Bildern und übersetzt diese Eindrücke anschließend in Duft. Woher diese Sprache kommt, kann er selbst nicht genau erklären: „Es ist eher intuitiv.“ Für ihn können Gerüche Bilder und Gegenstände hervorrufen, die wiederum eine bestimmte Textur tragen. Was zunächst wie eine sehr persönliche Wahrnehmung klingt, wird in seinen Kreationen zu einer überraschend nachvollziehbaren olfaktorischen Sprache. Auch die kreative Herausforderung selbst reizt ihn. Eine neue Note, ein bislang unbekanntes Thema, eine Idee, die er noch nie umgesetzt hat: „Das Leben ist eine Herausforderung. Wenn man keine Grenzen verschiebt, stagnieren wir. Das Leben tut das nie.“

Parfümeur David Chieze schätzt die kreative Herausforderung. Drei aktuelle Kompositionen zeigen ganz unterschiedliche Ausgangspunkte.

Mut zu eigenen Ideen
Unter seinen aktuellen Kreationen sind auch drei Beispiele, die für den deutschen Markt von Relevanz sind. Gravel ist eine der frühen amerikanischen Nischenmarken und wird seit dem Neustart 2018 von Christian Blessing und seiner Familie weiterentwickelt. Thomas de Monaco steht für eine eigenständige Schweizer Nischenparfümerie, die für ihre kunstvoll komponierten Düfte und ihre enge Verbindung von Parfum, Design und Persönlichkeit steht (Vertrieb: Valin GmbH). Das international positionierte britische Nischenhaus Electimuss zeigt mit der Auras Collection und Amber Bloom eine neue, deutlich leuchtendere Facette (Vertrieb: TheoK Distribution).
Bei Eau d’Ominance für Gravel entsteht der Duft aus dem Bild eines am Strand angespülten Lederstücks, das in der Sonne trocknet und eine Salzkruste entwickelt. Das Salz bringt dabei „etwas Funkelndes“ in die dunklen, animalischen Lederaspekte. Bei Jade Amour für Thomas de Monaco geht die Idee noch weiter: Die Liane de Jade ist farbenprächtig und üppig, besitzt aber keinen Duft. „Ziemlich frustrierend“, meint David Chieze. Er beginnt mit dem intensiven Türkis der Pflanze und übersetzt anschließend auch die dichte, weiche Textur ihrer Blüten in eine cremige, milchige Duftstruktur. Umso schöner: ÇaFleureBon ehrt seinen Duft als Top-10-Duft 2025 und David Chieze als Rising Star! Amber Bloom von Electimuss beginnt mit einem bewussten Spiel aus Intensität und Kontrast. Für die erste Kreation der neuen Auras Collection überdosiert Chieze Passionsfrucht und Mandarine und balanciert deren leuch-tende Fruchtigkeit mit holzigen und salzigen Elementen. Die Kombination aus Frucht, Salz, Holz und warmer Amber-Basis zeigt dabei unmittelbar, wie der Parfümeur Spannung erzeugt, ohne die Komposition aus dem Gleichgewicht zu bringen. Auch seine Arbeit für AtelierPMP zeigt diese Lust an eigenständigen Ideen. Der Duft Anti Anti war für einen Art and Olfaction Award nominiert.
Chieze bewegt sich damit selbstverständlich in jener unabhängigen Duftwelt, in der nicht die Größe einer Marke, sondern die Eigenständigkeit einer Idee den Ausgangspunkt bildet.
Was ihn am Segment der Nischenparfümerie reizt, ist die Möglichkeit, eigenständige Ideen zu entwickeln, ohne sie von vornherein an vertrauten Mustern ausrichten zu müssen. Den Markt beobachtet der Parfümeur allerdings mit einer gewissen Skepsis. Die Branche werde zunehmend fragmentiert, die Nachfrage wachse, aber auch die Tendenz zur Nachahmung. Interessiert ist er an den Möglichkeiten der Biotechnologie und an nachhaltig gewonnenen Rohstoffen. Künstliche Intelligenz sieht er vor allem als Werkzeug für Variationen und neue Wendungen. Die kreative Komposition bleibt für ihn jedoch eine menschliche Aufgabe.
Seinen Ausgleich findet Chieze auf dem Wasser beim Windsurfen und Kitesurfen – und beim Kochen. Und wenn es um Gerüche geht, die ihn unmittelbar beruhigen, sind es wieder Landschaften: Wald und Meer. Vielleicht schließt sich damit ein Kreis zu jener frühen Erinnerung im Süden Frankreichs? Damals war Geruch eine Entdeckung. Heute sind Gerüche sein Beruf.


Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 5/2026

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
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