Moderne trifft Tradition
Christine Nagel ist eine der namhaftesten Parfümeurinnen unserer Zeit. 2013 wurde bekannt, dass sie Jean-Claude Ellena als Hausparfümeur von Hermès beerben wird. Seit letztem Jahr nun kreiert sie für das Luxushaus, das auf Innovation und Tradition setzt. Jede Kreation beinhaltet das Andenken an die Vergangenheit.
Das Handwerk hat Christine Nagel (sprich: Naschell) in Zusammenarbeit mit Mentor Michel Almairac erlernt. Die gebürtige Genferin hat in unterschiedlichen Funktionen und Positionen bei großen Dufthäusern gearbeitet und für zahlreiche Premiumlabels kreiert, seit letztem Jahr nun für das Luxushaus Hermès. Ihre neueste Komposition, Twilly d’Hermès, wird aktuell lanciert.
Twilly nennt man die schmalen Seidentücher, die multifunktional und beschwingt als Accessoires eingesetzt werden: um eine Birkin Bag gebunden, den Haarschmuck akzentuierend, Armreife oder Hüte betonend. Der Freiheit der Verwendung ist keine Grenze gesetzt – und genau dies hat Christine Nagel im Duft, der vor allem junge Damen bezaubern will, umsetzen dürfen. Freiheit ist ein mit Hermès assoziiertes Wort. Christine Nagel beschreibt dies anschaulich in ihrer Arbeit für das Haus: „Die komplette Freiheit zu haben und nicht unter Zeitdruck zu stehen, ist für mich das Wunderbarste überhaupt. Es gibt keine Marktforschung, kein Consumer Panel. Die Aufgabe des Marketings ist es, die Kreation zu unterstützen, nicht sie zu beeinflussen. Ich habe das zuvor noch nie erlebt. Durch dieses Vorgehen bekommen Kreation und Kreateur einen zentralen Stellenwert.“
Freiheit bedeutet gleichwohl Reiz und Verantwortung: „Es beginnt alles mit einem weißen Blatt. Mit einem Gefühl der Leere. Ein reizvolles, aber auch beängstigendes Gefühl. Es ist schrecklich aufregend, eine große Verantwortung, ja vielleicht noch größer, denn aus dem Haus Hermès sind Parfums die Objekte, die am erreichbarsten scheinen.“
So startete auch die Kreation von Twilly d’Hermès mit einem weißen Blatt. Nagel verrät, dass dies der Codename (jede Kreation erhält einen solchen) der neuesten Entwicklung war: Carte Blanche. Nagel: „Twilly d’Hermès ist symbolisch für unsere kreative Herangehensweise. Noch dazu ist es eine auffallend moderne Kreation. Aber Hermès setzt nicht nur auf Innovation, grundlegend ist auch die Tradition, da Teil jeder Kreation das Andenken an die Vergangenheit ist. Twilly d’Hermès trägt unser Erbe in sich und interpretiert es neu.“ Sie schildert, wie der charakteristische Flakon von Florence Manlik (die in der Vergangenheit bereits Tücher für das Haus designte) klar und drastisch gekürzt wurde: Moderne trifft Tradition. Damit verbindet Nagel die Analogie eines jungen Mädchens, das aus dem Seidenschal der Mutter mit Schnelligkeit und Geschick einen Twilly macht.
Dieser Twist ist auch im Duft zu finden
Die fruchtig-florale Komposition hat drei Hauptdarsteller: Ingwer, Tuberose und Sandelholz. Christine Nagel skizziert: „Ich habe ganz bewusst jeden der drei Inhaltsstoffe auf den Kopf gestellt und sie so miteinander verknüpft, dass keiner in seiner Wirkung und Intensität beeinträchtigt wird und ein jeder seinen Charakter beibehält. Ich wollte, das Twilly selbstbewusst ist und stark geprägt. Ich habe dafür die animalischen und sinnlichen Facetten herausgearbeitet.“ Dafür hat sie Ingwer – der üblicherweise wegen seiner Frische und Spritzigkeit eingesetzt wird – im Überfluss verwendet, was den Duft scharf und heiß macht. Tuberose, die eine betörend intensive und zuweilen großmütterliche Schwere aufweist, hat sie so eingesetzt, dass die Ingredienz edel und strahlend wirkt, Sandelholz bringt sie als weiche, zart-cremige Basisnote in die Melange.
Kurz und klar fällt Nagels Hinweis in Sachen Beratung in der Parfümerie aus. Auf die Frage, wie der Verkauf am POS am besten gelingen kann, sagt sie trefflich: „Ich sehe nur einen Weg: herrliche Parfums kreieren!“ Im Zentrum steht also: Die Parfums für sich selbst sprechen lassen.
Doch was inspiriert sie in ihren Kreationen und mit welchen Inhaltsstoffen arbeitet Nagel am liebsten? Sie nennt zwei Hauptmotivatoren für ihre Inspiration: „Alles beginnt mit einer Idee, die für mich von Bedeutung ist. Ein Ort, der mich bewegt, eine Landschaft, die mich geprägt hat, eine Erinnerung, die plötzlich wieder auflebt, ein Gemälde, das mich in eine andere Welt entführt.“ All das können Inspirationen für eine olfaktorische Kreation sein. Zugleich ist ihre neue Aufgabe bei Hermès inspirationsfördernd: „Was mich heute zweifellos und zutiefst inspiriert, ist die gesamte Welt und Tradition von Hermès. Ich bin komplett in diese ganz und gar einzigartige Welt eingetaucht. Vom ersten Tag an standen mir alle Türen offen. Jeder Einzelne war hilfsbereit und offen; ich habe in sämtliche Handwerkskünste von Hermès reinschnuppern dürfen. Und es gibt 14 an der Zahl. Es ist sehr facettenreich und intensiv, und stellt eine unglaubliche Quelle der Inspiration dar.“

„Die komplette Freiheit zu haben und nicht unter Zeitdruck zu stehen, ist für mich das Wunderbarste überhaupt. Es gibt keine Marktforschung, kein Consumer Panel. Ich habe das zuvor noch nie erlebt. Durch dieses Vorgehen bekommen Kreation und Kreateur einen zentralen Stellenwert.“
Ihre Inspiration wird durch ihre Neugierde und das Interesse für Inhaltsstoffe angetrieben: „Meine Lieblinge variieren und ich habe auch keinerlei Vorurteile gegenüber Inhaltsstoffen. Wenn ich Ingredienzen entdecke, möchte ich wirklich alles über sie erfahren, in sie eintauchen, sie aufbrechen, sie bearbeiten, und mit ihnen experimentieren. Ich möchte sie dahin führen, wo ich sie haben will. Ich möchte ihre Grenzen verschieben. Ich möchte sie bezwingen, sie zähmen. Ich arbeite sparsam mit nur wenigen Rohstoffen. Für Hermès ist die Schönheit der ursprünglichen Rohstoffe essentiell.“
So schließt sich gewissermaßen auch der Kreis: Jean-Claude Ellena ist dafür bekannt, als Simplizist mit möglichst wenigen eingesetzten Inhaltsstoffen in Kreationen große Effekte zu erreichen. Nagel geht den ähnlichen Weg. Die Mischung aus Freiheit, Tradition und Innovation scheinen ihr besonders gut zu gefallen. Sie bringt es auf den Punkt: „Für Hermès zu arbeiten, ist Erfüllung. Wenn man sich dieses Traums bewusst wird, empfindet man das pure Glück. Es ist so wundervoll, es fühlt sich fast irreal an. Genauso fühle ich mich, seit ich für Hermès tätig bin.“






