Balance zwischen Struktur und Freiheit
Olfaktorische Geschichten zu erzählen, die berühren und überraschen, das ist die Passion von Émilie Bevierre-Coppermann. Schon früh stellte sie ihre Begabung fest, Menschen am Duft zu erkennen.
Manche Wege beginnen nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem eher leisen Moment der Gewissheit. Bei Émilie Bevierre-Coppermann war es das instinktive Erkennen von Menschen am Duft, das sie früh prägte. In einer Kindheit voller Geruchswahrnehmungen wurde olfaktorische Empfänglichkeit zur Selbstverständlichkeit – lange bevor sie wusste, dass daraus ein Beruf werden konnte. Im Alter von 14 kam sie bei einer Schulexkursion mit einem Parfümeur von Rochas in Kontakt – das veränderte alles. „Da habe ich gespürt: Ein Duft kann Geschichten erzählen. Er transportiert Emotionen und Erinnerungen – das hat mich von Anfang an fasziniert“, sagt sie mit Begeisterung. Heute kreiert sie sowohl für internationale Häuser als auch für künstlerisch orientierte Nischenmarken. Geblieben ist der Impuls, olfaktorische Geschichten zu erzählen, die berühren, überraschen, bleiben.
Von Molekülen zu Metaphern
Émilie Bevierre-Coppermann ist eine moderne Pariserin – aufgeschlossen, weltgewandt, kulturell begeistert. Mit ihrem Mann, der in der Fernsehproduktion tätig ist, und ihren vier Kindern ist sie nicht nur beruflich voll engagiert, sondern auch Familienmensch: „Unser Familienleben hat einen ganz eigenen Takt. Meine Kinder lieben es, an meinen Kreationen zu riechen und ihre Meinung zu sagen. Das Feedback ist stets fabelhaft“, erzählt sie, nicht ohne ein Augenzwinkern. Da sie Menschen auch olfaktorisch wahrnimmt, betont sie: „Die Kinder haben alle ihr eigenes Parfum, das ich für sie kreiert habe – und sind sehr stolz darauf.“
Nach dem Abitur studierte Bevierre-Coppermann organische Chemie. „Dieses Studium gab mir ein solides technisches Fundament. Es half mir, Rohstoffe auf molekularer Ebene zu verstehen. Ich glaube, dieses Wissen hat es mir ermöglicht, kreative Grenzen zu verschieben – ohne die Komposition aus dem Blick zu verlieren.“ Danach bewarb sie sich erfolgreich an der ISIPCA in Versailles. Während der intensiven Ausbildung nahm sie kreative Impulse auch aus anderen Lebenswelten auf. Die Frage, ob andere Disziplinen wie Literatur, Malerei oder Architektur ihre olfaktorische Vorstellungskraft geprägt haben, beantwortet sie klar: „Absolut! Ich bin fasziniert von Kreativen, die ihre Disziplinen revolutioniert haben. Duchamp, Picasso, Chanel, Yves Saint Laurent. Diesen Geist versuche ich auch in die Parfümerie zu übertragen: Regeln zu verändern, neue Perspektiven zu eröffnen.“ Nach ihrem Abschluss steigt sie bei Florasynth (heute: Symrise) ein, im Jahr 2016 wird sie zum Master Perfumer bei Symrise
ernannt. Zunehmend arbeitet sie für namhafte Brands und große Parfummarken. Ihre Arbeit wird international wertgeschätzt, etwa mit dem François Coty-Preis (2018), dem Extraordinary Fragrance Award der US Fragrance Foundation (2019) und dem Preis für das beste Damenparfum bei der italienischen Accademia del Profumo (2022). Was macht ihre Kreationen aus?
Struktur und Sinnlichkeit
Die Pariserin denkt Parfümerie architektonisch – und zudem mit viel Intuition. Sie liebt Rahmen, Klarheit und Kontraste. Ihre Handschrift ist geprägt von Licht, Transparenz und Textur. „Mich fasziniert, wie man Leichtigkeit mit Tiefe verbindet“, sagt sie. Dabei kehrt sie häufig zu klassischen Ingredienzen wie Rose, Bergamotte oder Hölzern zurück: „Ich finde sie zeitlos und vielseitig. Sie bieten viel Charakter – und ich liebe es, unerwartete Wege zu finden, sie einzusetzen.“
Ihre besondere Stärke liegt darin, klassische Bausteine in neue Kontexte zu überführen – stets mit einem eigenen, modernen Dreh. Das hat sie für große Marken wie Dolce & Gabbana, Givenchy
oder Comme des Garçons mehrfach unter Beweis gestellt. „Wenn ich mit etablierten Marken arbeite, geht es zunächst darum, ihre Identität zu verstehen und widerzuspiegeln. Ein Duft erzählt die Geschichte der Marke – ein Wort, ein Bild, ein Rohstoff kann dabei zur Quelle für eine neue Komposition werden.“
Anders ist es bei Nischenmarken, die stärker mit Konzept und Ausdruck arbeiten. Für Mind Games oder Ode Ona etwa war es ihr wichtig, die Balance zwischen dem Charakter der Marke und ihrer persönlichen Handschrift zu finden. „Struktur und Eleganz standen im Zentrum.“ Ein gutes Beispiel dafür ist der Duft Gardez, den sie für Mind Games (brandertain) kreierte – eine Marke, die vom Strategiespiel Schach inspiriert ist. „Abstrakte Konzepte fordern mich heraus, sie verlangen eine Balance aus Gestalt, Kontrast und Emotion.“ In Gardez verbinden sich Gewürze, Hölzer und Tabak zu einem eleganten, klar gestalteten Duft. „Die Idee der strategischen Spannung im Schach inspirierte die kontrastierenden und doch harmonischen Facetten dieser Komposition.“ Klassische Duftarchitekturen interpretiert sie dabei spielerisch neu – und verleiht ihnen so eine ganz eigene Qualität.

Neue Technologien
Die Parfümeurin ist offen für neue Entwicklungen. „Ich sehe KI und neue Technologien als interessante Werkzeuge, die uns unterstützen können – insbesondere bei der Anpassung von Formeln oder bei der Verbesserung von Nachhaltigkeit und Rezepturen. KI ist keine Bedrohung für Parfümeure, denn menschliche Kreativität ist unersetzlich.“ Schon heute erlebt sie, wie KI zur Vereinfachung sensorischer Tests oder zur Analyse von Verbraucherfeedback beitragen kann.
Nachhaltigkeit ist für sie kein Trend, sondern eine ethische Grundhaltung. „In die Felder zu gehen, die Menschen vor Ort zu treffen – das inspiriert mich. Der Duft von Kaffeeblüten auf Madagaskar, Blumenmärkte in Tamil Nadu, die Gewürze Sansibars – all das findet Eingang in meine olfaktorische Bibliothek.“ Und wo tankt Émilie Bevierre-Coppermann neue Energie? „Ich liebe es, Menschen zu begegnen, neue Aromen zu kosten, im Garten zu sein und Klavier zu spielen“, erzählt sie. Auch in der Stille, in der Natur und in alltäglichen Momenten tankt sie auf.
Für Émilie Bevierre-Coppermann ist ein Parfum kein Konsumgut, sondern eher ein Gedicht: offen für Deutungen, nie ganz zu entschlüsseln. Ihre kreative Welt ist dabei weit und zugleich ganz persönlich.
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 4/2025

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 4/2025






