Kreativer Bildhauer des Parfums
Als Parfümeur ist Antoine Lie seit mehr als drei Jahrzehnten erfolgreich. Er gilt nicht nur als „Meister der Düfte“, sondern wird auch als interessierter, freundlicher Mensch geschätzt.
Antoine Lie, Ende 50, wächst in einem kleinen Ort bei Straßburg auf. Seine Eltern, beide Kunstlehrer, haben keinen Bezug zur Branche. Im Rückblick erweisen sich mehrere Ereignisse als fast schicksalhaft: Seine besondere Affinität zu Gerüchen, zum Riechen und ein Artikel über die Parfümeurszunft Anfang der 1980er-Jahre, der ihn beeindruckt. In der Pubertät zeigt sich sein Faible für Düfte eindrucksvoll: Mitschülerinnen bringen ihm Proben aus Parfümerien mit, er genießt es, an allem zu schnuppern. Die Eltern schieben diesem Interesse keinen Riegel vor, sie respektieren und unterstützen ihn, sind sie doch den Künsten verbunden. Sicher auch deshalb ist Antoine Lie heute ein eloquenter, umsichtiger und kluger Mann, der seine Branche seit mehr als drei Jahrzehnten bestens kennt. Er bevorzugt klare Worte, schätzt den direkten Austausch. Und so ist er auch: interessiert, offen, direkt und authentisch, freundlich und ohne Allüren. Mit seiner Frau lebt er in Paris, die drei Kinder sind aus dem Haus.
In der Oberstufe widmet sich Lie engagiert und zielstrebig der Mathematik, Physik, Chemie. Nach dem Abitur macht er eine Ausbildung zum Chemieingenieur, beginnt ein Chemiestudium an der Universität Straßburg. Im 2. Studienjahr wird er quasi weggelobt: Wille, Können und Geschick machen es möglich, dass er Ende der 80er-Jahre als einer der ersten „Outsider“ einen der begehrten Ausbildungsplätze bei der Firma Roure (heute Givaudan) in Grasse ergattert. An der dortigen Parfümeursschule lernt er alles, was technisch wichtig ist: Riechen, erinnern, Düfte formulieren, Parfums komponieren. Als Juniorparfümeur geht er nach Paris und arbeitet bei den Großen der Zunft: als Assistent von Jean Guichard, dem Meisterparfümeur und späteren Direktor der Parfümerieschule von Givaudan, und von Edouard Fléchier, dem Parfümdirektor von Roure.
Die Assistenz prägt ihn, denn sie lehrt ihn neben dem technischen Verfahren eine weitere Fähigkeit: den Umgang mit Menschen. Die anderthalb Jahre in Paris sind von Freiheiten geprägt, Lie hebt sie sehr positiv hervor. Er ist an relevanten Projekten beteiligt, wird bei der Entwicklung eigener Ideen unterstützt. Er kann sich im wahrsten Sinne des Wortes entfalten, was durch den Wechsel in die USA noch verstärkt wird. In den Neunzigern verbringt er wertvolle Jahre in New York, reift zum Profi und nimmt die große Dynamik des weltweit führenden Marktes auch für seine eigene Arbeit wahr. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, am Puls der Marktentwicklung“. Er kreiert kommerziell erfolgreiche Düfte. Die Marktdynamik treibt ihn zurück nach Paris, er arbeitet zweieinhalb Jahre bei IFF, bevor er wieder bei Givaudan anfängt – und durchstartet. Verkaufsschlager wie Armani Code (mit Antoine Maisondieu), Romance for Men (Ralph Lauren) und Crystal Noir (Versace) markieren den Beginn seiner erfolgreichen Karriere.
Große Wertschätzung
In seiner hochaktiven Phase bei Givaudan und dem japanischen Hersteller Takasago in den 2000er- und 2010er-Jahren gewinnt er zahlreiche Wettbewerbe für große, internationale Hersteller. Im Gegensatz zu anderen Märkten wie Italien oder Spanien seien deutsche Verbraucher oft treu, Duftvorlieben wechselten selten. Dennoch habe die Nischenbewegung für Veränderungen gesorgt, sagt Lie. Er hat die Entwicklung des Genres der Artistic Perfumery maßgeblich beeinflusst und kreiert von Anfang an und bis heute immer wieder für „up and coming“-Marken wie Etat Libre d’Orange, Comme des Garçons, Puredistance und Eris Parfums. Manche dieser Entwicklungen prägen heute das Genre und gelten als Stilikonen.
Persönliches Verständnis und Wertschätzung sind wichtig für die erfolgreiche Arbeit mit Startups, ebenso wie Lie’s Unabhängigkeit, seine Reputation und Freiheit. Auf der Website seines Unternehmens ALOE, 2019 gegründet, macht Lie seine kreative Herangehensweise anhand eines Statements, eindrucksvoll deutlich: „Ich betrachte Parfum als künstlerischen Ausdruck. Die Qualität der Ingredien-zen, die Originalität und die Zeit, die man für seine Entwicklung braucht, stehen im Mittelpunkt. Zeit ist die ultimative Zutat für Luxus.“
Und so beschreibt er heute im direkten Austausch seine Schaffenskraft: „Ich bin sehr offen, was das Design angeht. Ich liefere sowohl technisch ausgereifte, marktreife Düfte als auch sehr kreative, anspruchsvolle Kompositionen. Letztere sind schwierig zu kreieren. Aber manche Marken wollen Düfte, die emotional sind und bestehende Erwartungen herausfordern. Früher habe ich mit Düften provoziert, das ist nicht mehr mein Ding. Mir geht es mehr darum, etwas zu schaffen, das anders ist. Am meisten Spaß macht es mir, die richtige Mischung zu finden, die kreativ, neu, aber auch verkäuflich ist“.
Dafür sind auch Partnerschaften mit Rohstofflieferanten wichtig, die durch neue Gewinnungsmethoden mit hervorragenden Qualitäten arbeiten.
Auf die Frage nach seiner olfaktorischen Handschrift betont der Parfümeur seine Vorliebe für natürliche Materialien. „Für mich ist ein Duft eine Struktur, die sich im Raum bewegt. Mit den Ingredienzen, die ich hinzufüge, bestimme ich die Färbung, die Textur, ob sie scharf, samtig, energisch oder strahlend weiß sein soll. Ich würde mich als Bildhauer des Parfums bezeichnen.“ Und wie sähe die perfekte Kreation ohne Zeit- und Budgetbeschränkungen aus? Lie betont, dass er genau das tun würde, was er jetzt schon tut: Als unabhängiger Parfümeur ist er Schöpfer, Berater und Ausführender.

Der unprätentiöse Star
Als freischaffender Parfümeur ist Antoine Lie stets umtriebig, mit Ideen beschäftigt, denkt an den Feinschliff seiner Düfte und an neue Projekte. Inspiration, so sein Credo, findet er nicht in fernen Ländern, sondern im Hier und Jetzt. Mit seiner Frau reist er gerne nach Italien. Verbindende Hobbys sind Schwarzweißfilme ebenso wie aktuelle Serien. Antoine Lie ist ein beeindruckender, sensibler und olfaktorisch ausdrucksstarker Kreativer, dessen Düfte auch in Deutschland noch viele Nasen umschmeicheln werden.
Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 5/2023

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
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