Meister der Düfte: Jérôme di Marino

Wenn Düfte süchtig machen

Jérôme di Marino, Star der jungen Parfümeurgarde, ist viel gefragt. Der Franzose kreiert Duftkreationen mit ganz eigener Handschrift. Im Markenportfolio sind globale Brands wie Burberry, Kenzo und Davidoff, dazu Newcomer wie Talbot Runhof und etablierte Duftmarken wie Molton Brown. Auch in der Nische ist er zuhause, erschafft Düfte für Linari und Neuheiten wie Edeniste (mit Parfümeur Aurélien Guichard) und Navitus Parfums (mit Parfümeur Francis Kurkdjian).

Der charmante Franzose, Jahrgang 1987, ist ein charismatischer Impulsgeber. Sein Auftreten ist höflich, verbindlich und schafft Vertrauen. Jérôme di Marino wuchs in einem kleinen Dorf in den französischen Alpen mit Blick auf den Mont Blanc auf. Aus der Familie kommt niemand aus der Branche, er erarbeitete sich sein Faible mit einem seiner drei Brüder, dem Zwilling Florent. Dieser ist nun ebenfalls Parfümeur, arbeitet für das Dufthaus IFF in Singapur und widmet sich dem asiatischen Markt. Schon von Kindheit an ist Jérôme natur- und erdverbunden: „Ich erinnere mich an den erdigen Geruch von Moos, wenn ich im Wald spielte. Oder an die rauchigen Dämpfe des Kamins an kalten Wintertagen.“ Seine Nase wird spielerisch früh geschult: an die Kindergärtnerin und ihren Duft Samsara (Guerlain) erinnert er sich sofort, als er Jahre später ins Metier eintaucht. Rückblickend sagt er: „Die magische Fähigkeit von Düften? Sie schicken dich auf eine Zeitreise!“ Mit 11 Jahren trennen sich die Eltern, ein Umzug nach Nizza bringt ihm die mediterrane Kultur näher. Mit seinem Bruder Florent verbringt er viel Zeit mit Zeichnen. Den Schöngeist prägt zudem Zielstrebigkeit: Nach dem Schulabschluss studiert er an der Universität Nizza Chemie, schätzt das methodische und stringente Vorgehen.

Von der Chemie zu Parfums
Der Plan nach dem Abschluss: eine kreative Tätigkeit. Durch Zufälle gelangt er an die Parfümeursschule ISIPCA, Versailles: „Von der Menge an Materialien war ich beeindruckt: Ich fühlte mich wie ein Kind in einem Süßwarenladen, wollte alles riechen.“ Die Arbeit mit Isabelle Doyen war für ihn prägend: „Von ihr lernten wir viel über Rohstoffe. Dabei war sie immer ruhig und geduldig.“ Das Studium endet 2010 mit einem Praktikum bei Givaudan, wo er der Meisterin Nathalie Gracia-Cetto assistiert. Nach einem Jahr bei Givenchy folgt 2012 der große Wechsel: Maestro Francis Kurkdjian (siehe Seite 44) holt ihn als Trainee zu Takasago, wo er seither tätig ist. Eine eindrucksvolle Zusammenarbeit begann: „Francis teilte mir seine Vision, sein Wissen über Düfte mit. Erst den technischen Part, dann den sozialen Teil, etwa den Umgang mit Wettbewerb und auch mit Misserfolgen. Wie man über Parfums kommuniziert, die Leidenschaft dafür teilt, sie in Worte übersetzt, für eine Marke, einen Kunden oder für eine Pressekonferenz. In Zeiten von Social Media muss ein Parfümeur auch darin Experte werden.“ Mit ersten Kreationen stellt er seine schnelle Lernfähigkeit unter Beweis. 2017 ist die Zeit als Trainee beendet, als Parfümeur beginnt ein wahrer Höhenflug. Viele Kreationen werden Hits und durch Preise geadelt.

Zeitgleich mehrere Projekte
Die tägliche Arbeit in Takasagos Pariser Duftstudio skizziert er abwechslungsreich: „Ich beginne den Tag meist damit, die Kreationen zu riechen, die ich am Vortag komponiert habe. Ich beurteile sie technisch, dann überarbeite ich sie mit dem Ziel besserer Ästhetik und Haltbarkeit.“ Parfümeure arbeiten zeitgleich an vielen Projekten. „Je Duft ein komplexes Puzzle, ein Rätsel, das ich lösen muss.“ Das Spannendste am kreativen Prozess ist für ihn, „der DNA einer Marke kreativ zu begegnen. Das macht mir am meisten Spaß“, so der Parfümeur. „Ich könnte gleichzeitig mit der Arbeit an zwei Rosendüften für zwei Marken beginnen – und jedem eine völlig andere Wendung geben, indem ich jeden maßgeschneidert und einzigartig mache.“ Für Molton Brown kreierte der Franzose jüngst Neon Amber und Suede Orris. „Die Arbeit mit Molton Brown ist etwas ganz Besonderes. Ich arbeite mit ihnen und nicht für sie. Ich genieße die Herangehensweise, die für mich als Parfümeur Freiheit und Ausdrucksraum bietet.“
Im Nischenbereich ist ihm die gemeinsame Arbeit mit Aurélien Guichard für Edeniste, eine britische Marke mit Fokus auf Natur und Nachhaltigkeit, in guter Erinnerung geblieben. Jérôme Di Marino berichtet: „Aurélien startete das Projekt mit der Gründerin der Marke und bot mir eine Mitarbeit an. Ich konzentrierte mich auf die Duftserie ‚Lifeboosts‘. Nach der weltweiten Covid-Krise suchen Verbraucher nach einer anderen Art der Verwendung von Parfums und erwarten mehr Natürlichkeit und Nachhaltigkeit. Der neurowissenschaftlich-emotionale Ansatz von ‚Lifeboosts‘ ist eine Antwort darauf. Eine großartige Balance zwischen Natürlichkeit und Wissenschaft: die Düfte riechen gut und verbessern die Stimmung.“
Bei seiner Arbeit hat er im Laufe der Zeit Vorlieben entwickelt: „Ich liebe es, mit der Tiefe scharfer Gewürze, Vanille, Tonkabohne oder Labdanum zu arbeiten, die den Düften Fülle verleihen. Aber ich kontrastiere sie auch gerne mit helleren Zutaten wie Mandarine, Zypresse, Ingwer.“ Ein raffiniertes Detail seiner Kreationen: „Meine Düfte haben fast immer eine sinnliche Dimension. Zum Beispiel kann dies durch die pudrigen Töne von Orris, die ambrierten Facetten von Labdanum, Vanille und Tonka, die Cremigkeit einer Sonnenblume oder das Hautgefühl von Moschus entstehen. Wenn ich ein Parfum kreiere, suche ich nach einer Wendung, sodass Kunden es immer wieder riechen wollen.“ Di Marino schafft so Nasenschmeichler mit addiktivem Charakter.

Lotet Grenzen aus: Die neueste Kreation für Linari ist ein duftendes Spiel der Kontraste, vertraut und gleichermaßen fremd. „Für Suede Orris bin ich mit kreativen Ideen nach London gereist. Das Molton-Brown-Team verliebte sich in die pudrige Iris und das sinnliche Wildleder. Bei Neon Amber steht Tonkabohne in Kontrast zu harzigen und mineralischen Tönen.“

Die Liebe zu Andalusien
Rückmeldungen sind ihm sehr wichtig. „Während ich in Paris bin, verlasse ich das Büro oft mit einem Duft, an dem ich arbeite. Ich will Kreationen auf der Haut beurteilen, beobachte ihre Entwicklung über Stunden. Mit Freunden zu Abend zu essen, ist eine gute Möglichkeit, gute Kommentare über ein Parfum zu provozieren. Ist dies nicht der Fall, dann riecht der Duft nicht gut oder ist nicht diffusiv genug.“
Nach produktiven Phasen freut sich auch Jérôme di Marino auf Erholung: „Im Urlaub fahre ich gerne weg und lasse mich inspirieren. Regionale Märkte sind für mich das beste Spiegelbild der Kultur eines Landes und ideal, neue Ansatzpunkte für Düfte zu entdecken.“
Andalusien beschreibt er als eine Herzens-Region: „Ich fahre oft nach Südspanien, wo meine Schwiegerfamilie lebt. Es ist stets eine inspirierende, olfaktorische Reise. Ein Spaziergang wird immer von den Düften von Orangenblüten, Jasmin, Wald-Geißblatt, Labdanum und Mastix begleitet. Und auf dem Land riecht es auch nach Thymian, Rosmarin, Zypressen, Granatapfel und Feigenbäumen. Und natürlich Weihrauch während der ‚Semana Santa‘, der heiligen Karwoche vor Ostern.“
Wenn Jérôme di Marino nicht arbeitet, liebt er es nach wie vor zu zeichnen. „Während des Lockdowns habe ich das Hobby aus der Kindheit wieder entdeckt. Früher wollte ich sogar an die Kunstschule gehen. Ein kreativer Beruf hatte immer schon eine große Anziehungskraft auf mich.“ Und er mag Katzen, von denen er mehrere zuhause hat: „Sie helfen mir, mich zu entspannen und in der stressigen Stadt, die Paris durchaus sein kann, Ruhe zu finden.“


Der Beitrag ist erschienen in der INSIDE beauty 5/2022

Als Kenner des internationalen Duft- und Kosmetikmarkts hat sich Dr. Bodo Kubartz einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen und organisiert Branchenveranstaltungen.
www.passion-and-consulting.de

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