Üppige grüne Landschaften, eine mystisch rote Wüste, in weißen Pulverschnee getauchte Bergspitzen und das glitzernde blaue Meer: Kaum zu glauben, dass diese exotische Welt direkt vor Europas Haustür liegt.

Kaum ist der Flieger auf dem größten Flughafen Marokkos, Mohammed V in Casablanca gelandet, denkt man unwillkürlich an den Spruch: „Ich schau Dir in die Augen, Kleines“aus dem Filmklassiker „Casablanca“. Die Geschichte von Ingrid Bergman und Humphrey Bogart verzauberte Millionen Zuschauer und zeigte kurze Einblicke in dieses märchenhafte Land. War Casablanca im Film Ausgangspunkt, um in eine neue Welt zu entfliehen, ist sie für viele Reisende heute Start und Ziel, um in die quirligen Städte zu tauchen, die Kultur Marokkos zu erleben und die schier unerschöpfliche Pracht an Farben und Landschaften zu erkunden. Mit einer Fläche von 446 550 km² ist Marokko im Vergleich zu den anderen Staaten in Afrika eher klein. Doch in kaum einem anderen Staat lässt sich eine so kontrastreiche Natur bestaunen und erleben. Als westlichstes der drei Maghrebländer – Algerien, Marokko und Tunesien – wird es von zwei Küsten eingerahmt. Im Nordosten stößt die Mittelmeerküste an das bogenförmige Rifgebirge mit duftenden Zedernwäldern und der Westen wird begrenzt von einer fast 3000 km langen Atlantikküste mit feinsandigen Traumstränden.

Hier findet man charmante Hafenstädte wie Essaouira, die Stadt für Badeurlaub Agadir oder die Hauptstadt Rabat. Parallel, auf der gegenüberliegenden Seite des schmalen Landes, türmt sich das Atlasgebirge auf. Hier ist die Natur weitgehend unberührt. Dringt man tiefer in diese Landschaft vor, erinnern die Fahrbahnen, anders als in der Küstenregion, häufig an Schotterpisten. Das sollte einen nicht abschrecken Marokko auf der „Straße der Kasbahs“ zu entdecken. Denn es lohnt sich! Es geht durch blühende Oasendörfer vorbei an vielen rötlich braunen Kasbahs, den ehemaligen Wehrburgen aus Lehm. Die berühmte Kasbah von Aït Ben Haddou diente schon häufig als imposante Kulisse für Filme wie z. B. „Gladiator“. Dann wird es bizarr. Fährt man weiter ins Gebirge auf den höchsten Gipfel, den Toubkal, verführt der Pulverschnee in 4165 Meter Höhe zu einer spontanen Schneeballschlacht. Gerade hat man seinen nächsten Ski-Urlaub geplant und schon erstreckt sich kurze Zeit später vor einem die Weite der Sahara.

Spur des Königs
In sagenhafter Landschaft liegen märchenhafte Orte. Allen voran die vier Königsstädte: Fès, Marrakesch, Meknès und Rabat. Jede von ihnen war einmal Sitz des Königs. Den Anfang machte die im 9. Jhd. gegründete Stadt Fès. Noch heute ist sie die kulturelle und religiöse Hauptstadt. Sie gilt als Wiege der marokkanischen Zivilisation, hier entstand auch die erste Universität Marokkos. Dann folgte die Perle des Südens, Marrakesch. Es ist ein Ort voller Zauber. Musiker und Tänzer in farbenprächtigen Gewändern, Geschichtenerzähler und Gaukler verwandeln die Stadt jeden Tag in ein orientalisches Märchen. Im 17. Jahrhundert wurde der Hauptsitz nach Meknès verlegt. Hier scheint die Zeit langsamer fortzuschreiten. Traditionelle Handwerkskunst findet man nicht nur auf dem Platz El Hedim, sondern auch als Zierde an dem berühmtesten Stadttor Marokkos, dem Bab El Mansour. 1912 entschloss sich die ehemalige Kolonialmacht Frankreich das Zentrum nach Rabat zu verlegen. Noch heute ist die Stadt Sitz des Königs. Der junge Herrscher Mohammed VI gilt als aufgeschlossener Monarch. Er sorgte u. a. durch das Inkrafttreten der Moudawana, dem Familienrecht dafür, dass Frauen in der Gesellschaft mehr Rechte erhielten.

Inmitten der Medina
In jeder Stadt Marokkos findet man diesen Ort voller Trubel – die Altstadt, auch Medina genannt. Mitten im Herzen der Medina weiß die Nase anfangs nicht, was sie riecht, die Ohren nicht, was sie hören und die Augen nicht, was sie zuerst fixieren sollen. Nur langsam offenbart sich eine Duftmischung aus dem leicht beißenden Geruch der Maultiere und dem exotischen Mix der Garküchen. In den Ohren summt eine melodische Mischung aus Arabisch und Französisch: Es wird geplaudert, gefeilscht, Kunsthandwerker hämmern filigrane Muster in Silberschüsseln. Der Weg führt durch die Souks, die Märkte, vorbei an Ständen mit getrockneten Datteln, aufgetürmten Gewürzen und farbenprächtigen Tüchern. Immer wieder trotten voll bepackte Esel an einem vorbei, die in den schmalen Gassen als Transportmittel eingesetzt werden, da kein Auto hier Platz finden würde. Von den Wegen zweigen unzählige Gassen ab. In Fès sind es sage und schreibe 9200. Also Vorsicht, hier verläuft man sich schnell! Möchte man tiefer in die Medina eintauchen und alle Geheimnisse der Stadt erkunden, sollte man auf die Ortskenntnisse eines Führers zurückgreifen. Er lotst einen durch das Gewirr der Straßen.

Ein anderer Rhythmus
„Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit!“ Dieser Spruch ist in Marokko Programm. Es geht turbulent zu in den Städten, gehetzt wird hier aber nicht. Diesen Müßiggang merkt der Reisende besonders in den kleinen privaten Oasen, den Riads. Oftmals verbergen sich diese kleinen Paradiese hinter hohen, schlichten Mauern mitten in den Altstädten. Betritt man eines der Privathäuser oder Restaurants empfindet man den Kontrast zum Straßenbild als überwältigend. Unter Schatten spendenden Palmen in einem mit kunstvollen Mosaiken verzierten Innenhof bewundert man z. B. eine Teezeremonie. Der Minztee ist Ausdruck der Gastfreundschaft bei den Marokkanern, daher sollte man niemals ein Glas ablehnen. Überhaupt die Gastfreundschaft: Marokkaner bringen ihren Gästen eine unvergleichliche Herzlichkeit entgegen. Durch dieses Gefühl des Willkommenseins sieht man auch gern darüber hinweg, wenn man als Europäer bei einem Treffen mit einem Marokkaner etwas warten muss. Denn die Zeit ist auf ihrer Seite, wir haben nur die Uhren. (Text: Maike Doege, Foto oben: Amanjena)