Tessin: Gegensätze ziehen sich an

Diese Farben! Die Wiesen in sattem Grün, die Seen schimmern in den schönsten Blautönen und auf den Bergspitzen liegt der Schnee. Immer wenn ich durch die Schweiz reise, kann ich mich nicht sattsehen an der Bilderbuch-Landschaft, die in den kräftigsten Nuancen zu leuchten scheint. Wie schön, dass die Fahrt noch länger dauert, denn wir sind auf dem Weg ins Tessin, dem südlichsten Teil der Schweiz. Von Norden her erreicht man
das Tessin (italienisch: Ticino) über die Autobahn A2, die durch den Gotthard-Tunnel führt. Seit letztem Jahr kann man auch mit dem Zug durch den Gotthard-Basistunnel fahren: Nach 17 Jahren Bauzeit wurde der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt im Dezember 2016 eröffnet. Im Sommer ist die Fahrt über die Alpenpässe Sankt Gotthard, Nufenen, San Bernardino oder Lukmanier eine gute Alternative. Von Süden her gelangt man über die Autobahn A9 ab Mailand oder über die A8 ab Varese ins Tessin.

Reiseziel zu jeder Jahreszeit

Im Frühling zeigt sich das Tessin von seiner schönsten Seite. Wenn die ersten Blumen blühen, die Sonne schon wärmt, der Schnee aber noch auf den Gipfeln liegt. Dank seiner Lage – der Nordpol ist gleich weit entfernt wie der Äquator – liegt das Tessin mitten in der gemässigten Klimazone, mit Temperaturen von durchschnittlich 5 Grad Celsius im Januar und 20 Grad Celsius im Mai – daher ist ein Urlaub hier zu jeder Jahreszeit empfehlenswert. Ich liebe die Gegensätze, die diese Region ausmachen: Hier Palmen, dort Gletscher, Dolce Vita und Extremsport, uralte Kirchlein und moderne Architektur. Im Tessin vereint sich alles zu einem harmonischen Ganzen. „Sie ist wunderbar reich und schön, und vom Alpinen bis ganz Südlichen ist alles da“, schwärmte schon Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse von seiner Wahlheimat. Da kann ich ihm nur beipflichten. Denn die Vielseitigkeit dieser Region, durch die stets ein Hauch von Italien weht, macht sie so besonders.

So lädt die Tessiner Bergwelt zum Wandern ein, durch stille Täler, herrliche Wälder, einsame Dörfer. Das pure Leben und die Leichtigkeit des mediterranen Dolce Vita lässt sich dagegen in Lugano, Locarno oder Ascona erleben – am besten mit einem Aperitivo in der Hand und mit Blick auf den Luganer See oder den Lago Maggiore. Besonders romantisch präsentieren sich die beiden Seen vor allem am frühen Morgen oder in der Abenddämmerung, wenn sich der Himmel verfärbt.

Tessiner Spezialitäten entdecken

Wer ins Tessin fährt, kann sich auch auf kulinarische Genüsse freuen. Und Sie ahnen es schon – auch in der Geschichte vom Essen und Trinken spielen Gegensätze eine zentrale Rolle. Dank der kulinarischen Einflüsse aus dem nahen Italien hat sich die ursprüngliche „arme“ Tessiner Küche (Cucina Povera) mit ehemals kargen Gerichten zu einer vielfältigen, oft mit Sternen gekrönten Küche entwickelt. Vorzüglich essen kann man sowohl im Gourmet-Restaurants, als auch in einem urigen Grotto – eine Besonderheit im Tessin. Ursprünglich waren es Felshöhlen, in denen die Landbevölkerung Wein, Wurst und Käse aufbewahrte. Die heutigen Grotti sind meist einfache traditionelle Steinhäuser mit Tischen und Bänken
aus Granit, in denen man nicht nur gut speist, sondern manches Mal auch mit fantastischen Ausblicken belohnt wird, wie beispielsweise in der Osteria Borei in Monti di Brissago (www.osteriaborei.ch) oder im Grotto Verzaschese in Monti della Trinità (www.ferriroli-grotto.ch). Dort gibt es keine Speisekarte, aber ein ganz hervorragendes Risotto.

Mittendrin statt nur dabei

Sie wollen Einblicke in die Herstellung, die Geschichte und die kulinarische Tradition der Region? Kein Problem. So mancher Produzent lässt sich über die Schultern blicken. Auf der Alpe Piora kann man die Produktion der berühmten Piora-Schinken verfolgen (www.ticinella.com) und die Keller
besichtigen, in denen die Köstlichkeit reift. Wer sich nicht vor einem mehrstündigen Marsch scheut, dem sei der Besuch der Alpe Nimi empfohlen. 1375 Höhenmeter über dem Maggiatal gelegen, ist sie über einen romantischen Treppenweg und uralte Steinbrücken zu erreichen. Dort angekommen, erlebt man das Alpdasein wie vor hundert Jahren: Ziegen und Wollschweine tummeln sich und liefern alles, was es für hausgemachten
Käse und Wurst braucht. Von Juni bis Oktober bewirtschaftet Pietro Zanoli, ein ehemaliger Banker, die 1742 gegündete Alpe Nimi, die ehemals sein Onkel wiederbelebt hatte (www.ticino.ch).

Ausflüge im Garten Eden

Über 1400 Kilometer Wanderwege führen im Tessin durch unberührte Natur und zu atemberaubenden Aussichtspunkten. Besuchen sollte man unbedingt das pittoreske Dörfchen Morcote mit seinem Garten Eden im Parco Scherrer (www.morcote.ch). Der Textilhändler Hermann Arthur Scherrer hat Stück für Stück einen subtropischen Park angelegt. Mit Zypressen, Zedern, Palmen und vielen Kunstwerken. Auf eine Zeitreise geht man im Parco Gole della Breggia. Der erste Geo-Park der Schweiz (www.parcobreggia.ch) ist auch für einen Ausflug mit Kindern spannend. Die vom Fluss Breggia freigelegten Felsformationen dokumentieren einen Zeitbogen von 100 Millionen Jahren, einmalig im Alpenraum. In der zwei Kilometer langen Schlucht im Mendrisiotto finden sich auch Spuren der Ur-Meere. Wer nach diesem Besuch mehr will, der kann auch im Fossilienmuseum Monte San Giorgio ins Urmeer eintauchen (www.montesangiorgio.org), dass vom Tessiner Architekten Mario Botta umgebaut wurde. Ob Geschichte, Kunst, Kultur oder Landschaft – es gibt viel zu entdecken im Tessin, der mediterranen Seele der Schweiz!

Hier geht es zu den einzelnen Artikeln:

Die komplette Strecke über das Tessin aus der SPA inside (März/April 2017) ist auch als E-Paper erhältlich.

Foto: Hotel Giardino Ascona

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